Yachtporträt „Taniwha“Offen für Neues

Sören Gehlhaus

 · 17.08.2022

Yachtporträt „Taniwha“: Offen für NeuesFoto: nautique.tv

Ein Eigner trifft mit seiner ersten Yacht sogleich die richtigen Entscheidungen. „Taniwha“ ist schnell, voller Kohlefasern, hochgradig individualisiert und basiert doch auf Southern Winds 35-Meter-Plattform SW105.

Der Karbonglanz, der einem vor dem Yacht Club de Monaco entgegenstrahlt, ist beträchtlich. Zur diesjährigen Messe liegen hier erstmals ausschließlich Segelformate nebeneinander, fein säuberlich aufgereiht nach der Länge. Obwohl ungewöhnlich kurz, funkelt der Aufbau von „Taniwha“ besonders. Er reflektiert das Tageslicht, als träfe es auf ein zusammenhängendes Stück Glas. Dabei befinden sich nur an der Decke zwei jeweils zweieinhalb Quadratmeter große Oberlichter. Der Rest ist makellos gearbeitetes Gloss Coat. Die moderate Breite, gepaart mit dem flachbordigen und zum Bug wie Heck hin angenehm eingeschnürten Rumpfkörper, sowie das nahezu unverbaute Deck sind Balsam für den Bewunderer eleganter Linien.

Genau einem solchen gehört „Taniwha“. Genauer gesagt einem Eignerpaar, das mit den 35 Karbon-Metern ihr erstes Boot entgegennahm. „Sie hatten auf zwei Baltics aus dem familiären Umfeld Erfahrung gesammelt und wollten full custom bauen. Wir konnten sie aber davon überzeugen, dass unsere Plattformmodelle perfekt auf ihren Stil angepasst werden können“, sagt Southern Winds PR-Managerin Umberta Bassino vor dem Teaksüll stehend. Zusammen mit SWS-Verkaufsleiter Andrea Micheli präsentierte sie Pläne der SW105, die Farr Yacht Design Mitte der 2010er-Jahre gemeinsam mit Nauta Design entwickelte. Da seit 2018 drei Einheiten schwimmen, würde man Zeit und Geld sparen sowie Risiken minimieren, die Solitärbauten gewöhnlich mit sich bringen.

Dennoch schafft es „Taniwha“, sich vorzüglich abzugrenzen. Ungewöhnlich für eine Southern Wind erscheint der völlige Verzicht auf Zierstreifen. Wiederum passend zum schöngeistigen Äußeren ist die Beschränkung auf zwei Rumpffenster pro Seite. Zum Vergleich: Die im Bau befindliche fünfte SW105 vertraut auf je sechs Seitenscheiben.

Konsequenter Leichtbau verringerte das Gewicht um fast fünf Tonnen.Foto: nautique.tv
Konsequenter Leichtbau verringerte das Gewicht um fast fünf Tonnen.

Leichtbau stand bei der “Taniwha” an oberster Stelle

Wobei das keine rein ästhetische Entscheidung war, sondern auch auf den obersten Punkt im Pflichtenheft zurückgeht: geringes Gesamtgewicht. Andrea Micheli erläutert: „Wir listeten dem Eigner alle Möglichkeiten der Gewichtseinsparung mit dem Preis pro Kilogramm und einer Bewertung unsererseits auf.“ Mit der Folge, dass immer wenn es sich anbot, Aluminium durch Titan zu ersetzen, dies auch getan wurde. Aus dem edlen Leichtmetall bestehen Relingstützen, Beschläge, der Kielkopf und das automatische Ankersystem unter der Wasserlinie. Das sparte insgesamt 300 Kilogramm ein.

Der Löwenanteil aber fiel auf den Laminataufbau. Für den Rumpf diente der südafrikanischen Werft unter italienischer Leitung ein Corecell-Kern als Grundlage, den sie innen wie außen mit Prepreg-Karbon laminierte. Bei dem trockenen Legeverfahren liegt gekühltes Epoxidharz bereits im perfekten Verhältnis auf den Fasern und reagiert erst im Ofen. Das Deck entstand im gleichen Verfahren, aber auf einem Nomex-Kern. Ebenso aus Kohlefasern gefertigt sind das stehende Gut von Future Fibres (ECsix) sowie Mast und Baum, an denen am Wind 568 Quadratmeter 3Di-Segellaminat von North Sails stehen. Als Konsequenz aus allen Abspeckmaßnahmen schwimmt „Taniwha“ mit knapp fünf Tonnen weniger „Ballast“ als die Schwesterschiffe.

Dass es auch im Interior um Leichtbau ging, wird erst beim zweiten Blick in die Bäder klar. Selbstredend sind diese frei von Marmor, die Waschtische mit den integrierten Becken weisen aber eine gefällige Anmutung zwischen Beton und Keramik auf. Sie wurden mithilfe italienischer Spezialisten realisiert. Ein leichtes Kernmaterial bedecken Fasern, über denen Harz – mit Farbpigmenten angereichert – von einem Spatel gerade so glatt gezogen wurde, dass es nicht zu klinisch aussieht.

Ohne Dekorstreifen und mit nur zwei Fenstern kommt die "Taniwha" sehr elegant daher
Foto: nautique.tv

Nauta passte den Wand- dem Rumpfverlauf an

Die „Taniwha“-Eigner platzierten ihre Kabine im Vorschiff und folgen damit der Mehrzahl der Southern-Wind-Eigner; dahinter liegt ein Studio mit Schlafoption für zwei. Achtern des Salons schlafen vier Gäste und die fünfköpfige Crew. Für den Innenausbau wurden auf Eignerwunsch umweltgerechte wie leichtgewichtige Werkstoffe verwendet. Hellgraues Leinen findet sich in gepolsterter Form an den Wänden, wo es Tiefe erzeugt, oder an der Schachtverkleidung des Liftkiels, der von 3,80 bis 5,90 Meter reicht. Auch wenn das Layout SWS-typisch ausfällt, arbeitete Nauta Design das Styling mit der Eignerin, einer Architektin, von Grund auf neu aus. Als Orientierung diente der Stil ihres Landdomizils.

In der Mastersuite schlug Nauta ein modern-schiffiges Element vor: Zum Boden bildet der Wandverlauf die Form der Bordwand ab. Massimo Gino von Nauta Design beschreibt es so: „Das ist funktional und schön und zeigt die wahre Rumpfform, anstatt sie zu verbergen. Die Betten stehen auf schrägen, geschwungenen Sockeln, die mehr Fußraum lassen.“ Dadurch scheint das Eignerbett, das zusätzlich unterleuchtet wird, zu schweben. Gleiches gilt für die Seitenschränke, die eben nicht komplett nach unten reichen und den angesprochenen Wandbogen offenlegen. Ein 90-Grad-Verlauf am Boden würde dunkle Flächen und nur schwer zugänglichen Stauraum im XS-Format erzeugen. Ähnlich verfuhr Nauta auch auf „All Smoke“ und „Morgana“, den bisher einzigen Custom-Aufträgen von SWS.

Helligkeit trotz fehlender Fenster

Der Salon wirkt trotz fehlender Seitenfenster im Aufbau warm und hell. Gino sagt über die Einrahmung des Oberlichts: „Die Teakinsel in der Salondecke vergrößert den Raum und vermittelt ein einladendes Gefühl.“ Ebenfalls aus entsättigtem und mit Öl behandeltem Teakholz fertigten die Yachtbauer vom Kap die Türen, Möbelstücke und Wandpaneele. „Die Kombination aus hellem Eichenboden und den Leinenwänden verleiht Helligkeit. Das Interiordesign ist elegant und unaufdringlich, aber niemals vorhersehbar“, freut sich Massimo Gino. Die größte Abkehr vom ursprünglichen SW105-Konzept vollzogen die Eigner im Cockpit. Beim Anblick sollte man das Gefühl bekommen, eine schnelle Yacht vor sich zu haben.

Und die zeichnet sich durch ein großes Arbeitscockpit aus. Aus dem flachen wie kurzen und minimal nach vorn verlegten Aufbau resultiert ein Achterdeck, das sich nahezu über die halbe Rumpflänge von 32,27 Metern erstreckt. Die Steuersäulen rückten zwei Meter nach vorn, unmittelbar hinter den Traveller. Das bringt den Rudergänger näher an das Gästecockpit respektive die Vorsegel und lässt achtern Platz für eine Fläche zum Sonnenbaden, unter der ein 4,20-Meter-Tender lagert. Eine im Bau befindliche Southern Wind wird diese Konfiguration übernehmen. „Im Grunde sind nur die Rumpflinien gleich geblieben“, bringt Umberta Bassino „Taniwhas“ Radikalkur auf den Punkt. Die Eigner stellten sich als Glücksfall für die Werft heraus. Nur recht, dass ihre Yacht mit GT eine eigene Zusatzbezeichnung innerhalb der SW105-Familie erhalten hat. Ein Gran Turismo ist sie wahrlich.

Schöner Spiegel: Der Tender misst 4,20 Meter. Statt auf der Saling sitzt der Radardom in der Heckreling aus TitanFoto: nautique.tv
Schöner Spiegel: Der Tender misst 4,20 Meter. Statt auf der Saling sitzt der Radardom in der Heckreling aus Titan

Technische Daten “Taniwha”

  • Länge über alles: 35,18 m
  • Länge (Rumpfform): 29,44 m
  • Breite: 7,31 m
  • Tiefgang: 3,80–5,90 m
  • Verdrängung (leer): 65,9 t
  • Material: Prepreg-Karbon
  • Motor: 1 x Cummins QSB 6,7 MCD
  • Motorleistung: 1 x 224 kW
  • Kraftstoff: 4760 l
  • Wasser: 3000 l
  • Rigg: Hall Spars, Karbon
  • Stehendes Gut: Future Fibres ECsix+
  • Segel: North Sails 3Di
  • Segelfläche (am Wind): 568 qm
  • Winschen: Harken
  • Konzept und Design: Southern Wind Shipyard, Farr Yacht Design, Nauta Design
  • Naval Architecture: Farr Yacht Design
  • Deck & Interior: Nauta Design
  • Klasse: RINA C Hull Mach Y
  • Werft: Southern Wind Shipyard, 2021
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