Sportlich, sportlich

14.04.2020 BOOTE EXCLUSIV - Mit der knapp 30 Meter langen Grande S10 ergänzt Azimut seine S Collection. Die Designer Alberto Mancini und Francesco Guida schufen ein Format, bei dem Italo-Fans mit der Zunge schnalzen.

Bella Macchina: Die schnittigen Linien der S10 passen zu ihrem Potenzial – mit zweimal 1938 Kilowatt erreicht das flache Format bis zu 35 Knoten.	 
© Sara Magni
Bella Macchina: Die schnittigen Linien der S10 passen zu ihrem Potenzial – mit zweimal 1938 Kilowatt erreicht das flache Format bis zu 35 Knoten.  

Die Azimut-Benetti-Werft gilt seit vielen Jahren als produktivste Adresse weltweit, wenn es um den Bau von Yachten über 24 Meter Länge geht. Einschlägige Statistiken weisen das regelmäßig aus. Azimut in Avigliana ist dabei für die kleineren Formate bis etwa dreißig Meter Länge zuständig, Benetti bedient die Nachfrage darüber, inzwischen sogar bis über hundert Meter Länge. Schaut man sich die neueste Ergänzung des Azimut-Portfolios an, dürfte diese den Platz an der Spitze mit absichern. Die Italiener haben ihre S Collection, eine von vier Modellreihen, mit der Grande S10 nach oben ergänzt: knapp dreißig sportliche Meter, die Azimuts Marketingabteilung als eine "ausgewogene Mischung aus Komfort, Fahrspaß und einem für Sportyachten außergewöhnlichen Luxus" beschreibt. 

Mit dem Exteriordesign beauftragte Azimut dabei den derzeit extrem gefragten Alberto Mancini. Der 1978 geborene Italiener, der unter anderem auch für Fairline und Overmarine zeichnet und dessen gestalterische Wurzeln im Automobildesign liegen, startete das Projekt S10 mit einem riesigen Vertrauensvorschuss der Werft. Lediglich Länge und Breite, also knapp dreißig und gut sechs Meter, waren die grundsätzlichen Parameter, die Azimut vorgab. Zudem sollte die Yacht sportlich, aber gleichzeitig funktional und elegant werden.  

"Den Großteil meiner Inspiration für die Entwicklung der S10 habe ich neben dem Automobildesign aus einer Villa am Strand von Malibu gezogen", so Alberto Mancini. "Ihre Terrassen senkten sich so herrlich in Richtung Meer, dass ich dieses Konzept für die Yacht heranzog und sie auf drei Leveln anlegte, die sich ebenfalls komplett zur See öffnen." Was er damit meint, offenbart ein schneller Blick auf die Grundrisse. Die erste Ebene ist die Badeplattform, die auf Knopfdruck um 1,20 Meter (!) verlängert werden kann, die zweite Ebene das Heck des Hauptdecks und die dritte die Flybridge, die mit einer mittig angeordneten Kohlefaser­leiter mit dem Hauptdeck verbunden ist. Der achterliche Bereich auf dieser mittleren Ebene der S10 sucht dabei übrigens seinesgleichen, da Mancini ihn in zwei Teile splittete. Zwei Treppen verbinden die Badeplattform mit dem Hauptdeck, auf dem sich zunächst zwei Sofas gegenüberstehen und die übliche Konfiguration bilden. Kurz dahinter führt dann die schon erwähnte zentrale Leiter auf die Flybridge; unter dem Überhang steht allerdings ein weiteres Sofa mit Blickrichtung nach innen. Als leichtes U geformt, bildet diese Sitzecke bei geöffneten Schiebetüren eine Verlängerung des Salons – ein hervorragender Platz für den Aperitif oder den Kaffee am Nachmittag. Es ist ein kleiner, aber genialer gestal­terischer Schachzug von Mancini, von dem man sich fragt, warum noch kein Designer vor ihm darauf gekommen ist. "Der Gedanke dazu", so der 41-Jährige, "kam mir bei der Betrachtung von großen Mega­seglern und J-Class-Yachten – sie haben mich mit ihrer ähnlichen Konfiguration dazu inspiriert."

Die innere Aufteilung der S10 ist dann schnell erschlossen. Auf dem Unterdeck kommen acht Gäste in vier Kabinen unter, die Eignersuite befindet sich dabei mittschiffs auf voller Yachtbreite. Das Bett steht hier – etwas ungewöhnlich – mitten im Raum, back- und steuerbords entstand so Platz für eine Chaiselongue beziehungsweise einen Schreibtisch. Direkt über dieser Suite bildet der Salon mit seinem Speiseplatz für eben diese acht Gäste und einer großzügigen Sitzecke samt TV-Gerät das Zentrum der Yacht. Ein elektrochromes Skylight und große Fenster sorgen für die nötige Helligkeit und den direkten Bezug zur Umgebung. Verantwortlich für die harmonische Gestaltung war Francesco Guida, der den Look mit seinen Weiß-, Braun- und Karbontönen als zurückhaltend und elegant beschreibt. "Wenn man für Werften wie Azimut arbeitet, deren Produkte viele Interessenten ansprechen sollen, muss man das immer im Hinterkopf haben. Gleichzeitig soll die Design-DNA der Werft berücksichtigt werden, und trotzdem müssen die Entwürfe überraschen – aber nicht zu sehr! Es ist ein Balanceakt." Dass Guida, der derzeit zu den gebuchtesten Innenarchitekten im italienischen Yachtbusiness gehört, dies bravourös umsetzte, steht außer Frage. Wer die S10 erkundet, ist von einer maritimen Leichtigkeit umgeben, die so typisch für italienisches Interiordesign ist und den Erfolg dessen auch ausmacht. Besonders gefällig wirkt der Einsatz von Holz als Bodenbelag und Deckenverkleidung im Bereich des Salons, der den Übergang von außen nach innen fließend gestaltet. Genau im Grenzbereich von Holz und Teppich installierte Azimut denn auch eine zweite Schiebetür auf dem Hauptdeck, um die Komplexe nicht nur visuell zu trennen, sondern Eigner und Gästen beim Lunch oder Dinner die größtmögliche Privatsphäre zu bieten. Guida: "Die Kombination aus Holz und weiß lackierten Oberflächen gibt den Räumen einen hellen, sportiven Touch." 

Ganz voraus auf dem Hauptdeck arbeitet, wie auf solchen Formaten üblich, der Kapitän der sportlichen Grande S10. Die Brücke entwickelte Azimut zusammen mit Simrad-Naviop; die Gestaltung des modernen und ergonomischen Steuerstandes stammt von CentrostileDesign und fügt sich hervorragend in das Inte­riorkonzept ein. Dazu passt auch die Performance der knapp dreißig Meter langen Yacht. An seinem Arbeitsplatz kontrolliert der Kapitän zwei je 1938 Kilowatt starke MTU-Diesel vom Typ M96L, die für einen Topspeed von 35 Knoten sorgen. Humphree-Interceptors regulieren den Trimm und unterstützen das schnelle Erreichen der Gleitfahrt, was den Treibstoffverbrauch erheblich reduziert. Das Steuerungssystem von SeaStar Solutions vermittelt ein Lenkverhalten, das einem Supersportwagen gleicht. Mit einer Reisegeschwindigkeit von 28 bis 30 Knoten und einem Tankinhalt von 9500 Litern ist das S-Collection-Flaggschiff bestens für kurze, unkomplizierte Touren an den Hotspots des Mittelmeers, am Persischen Golf sowie in Mittel- und Südamerika geeignet – genau dort, wo sich das Gros der Azimut-Eigner am liebsten maritim austobt. 

Dass der Verbrauch der S10 trotz ihrer Sportlichkeit nicht exorbitant ist, verdankt sie ihrer Teilkonstruktion aus Karbon, auf die Azimut bereits seit einigen Jahren setzt. Das leichte und hochfeste Material erlaubt nicht nur mehr Volumen auf gleicher Länge, sondern reduziert natürlich auch das Gewicht der Yacht und damit auch den Verbrauch. Die Kohlefaserkonstruktion war auch für Alberto Mancini ein wichtiges Element. "Damit verfolgt die Werft eine Politik der Reduktion, die es uns erlaubt, der S10 ein Profil zu verleihen, wie es auf noch keiner Open-Yacht realisiert wurde." Ein prominentes Detail ist dabei natürlich der Ausschnitt des Schanzkleids im Bug, der mit etwas Fantasie ein stilisiertes Haigebiss sein könnte, zumindest aber angriffslustig wirkt. Die vom Designer angesprochene Reduktion kehrt indes auch im Verzicht auf eine stählerne Reling wieder. Sie wurde von der Werft durch eine aus Karbon ersetzt, die der Designer mit LEDs ausstatten ließ, um dem Gleiter auch im Dunkeln eine unverwechselbare Silhouette zu verleihen. "Ich stellte mir vor", so Mancini, "dass ein Eigner spät­abends mit dem Tender vom Cala di Volpe auf seine Yacht zurückkehrt. Wenn er dann unter all den vor Anker liegenden Yachten – auch den erheblich größeren – seine elegant illuminierte S10 entdeckt, wird er sich freuen, an Bord zu kommen. Diese Beleuchtung ist ein fantastisches Ausstattungsdetail!" 

Zurück an Deck, bieten sich für den letzten Drink des Abends dann entweder der Bereich unter dem Überhang auf dem Hauptdeck, das Sundeck mit seinen Sofas oder natürlich die Buglounge mit ihren beiden gemütlichen Sitzecken an, aus denen der Blick auf die vor Porto Cervo ankernden Großformate wahrscheinlich am besten ist. Da lässt es sich dann hervorragend sinnieren, ob das Leben auf sechzig, siebzig oder sogar noch mehr Metern denn wirklich so viel besser ist als auf der ausgereiften Grande S10… 

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