Königliche Erscheinung Königliche Erscheinung Königliche Erscheinung

Königliche Erscheinung

  • Martin Hager
 • Publiziert vor 4 Monaten

Mit der knapp 29 Meter langen X95 präsentiert Princess Yachts ein wahres Raumwunder. BOOTE EXCLUSIV führt über die Decks des Cross-over-Konzepts von Studio Pininfarina und Bernard Olesinski.

Nein, sie ist wahrlich keine zierliche Prinzessin, die neue „Superfly“ X95. Äußerlich ähnelt das jüngste Modell der britischen Yachtmanufaktur Princess Yachts eher einem stattlichen König – kräftig, voluminös, mit markanten Gesichtszügen und fließendem Umhang. Die Engländer, deren umfangreiche Modellpalette sich insbesondere im deutschsprachigen Raum großer Beliebtheit erfreut, arbeiteten noch nie so lange an der Entwicklung eines neuen Modells wie in diesem Fall bei der X95. Drei Jahre dauerte der intensive Schaffensprozess dieses neuartigen Cross-over-Konzeptes, das als Hybrid die Welten voluminöser Verdränger mit den effizienten Fahreigenschaften von Halbgleitern kreuzt. Und dabei die Innenraumaufteilung völlig anders interpretiert.

George Edwards Große Terrassen: Badeplattform, Flybridge und Hauptdeck bieten viel Platz an der frischen Luft. Erstmals realisierten die Engländer eine Glasreling.

Die Optik, vielmehr das Exteriorstyling, wirkt beim ersten Anblick gewöhnungsbedürftig – so viel Ehrlichkeit sei erlaubt. Doch die neue X95 ist ein hervorragendes Beispiel von FFF – „form follows function“. Ein maximales Volumen bei minimaler Rumpflänge war gefragt. Eigner sollen auch diese Yacht noch selbst und mit einem Sportbootführerschein See steuern können, ohne auf einen Kapitän angewiesen zu sein. Daher wurde die Länge der laminierten Rumpfschale auf 23,95 Meter gedrückt, also knapp unter die magische 24-Meter-Marke, ab der die Regularien deutlich strenger werden. Mit Bugpartie und Badeplattform kommt die Princess-Neuheit auf eine Länge über alles von stattlichen 28,96 Metern. Dass die zum Luxusgüterkonzern LVMH gehörenden britischen Yachtbauer außerordentlich stolz auf ihr neues Modell sind, merkt man jedem Mitarbeiter an. Allen voran Geschäftsführer Antony Sheriff: „Die neue X95 ist ein kühnes und aufregendes Konzept für uns, das die Grenzen des Bekannten sprengt. Wir investieren seit Jahren in neue Technologien und modernes Design, das sich von der Masse abhebt.“ Kernstück der X95 ist ein Flächennutzungskonzept für die Flybridge und den Innenraum des Hauptdecks, die sich nahezu über die gesamte Yachtlänge erstrecken und so die „Superfly“ bilden, die das Modell auch namentlich definiert. Im Vergleich zu einer traditionellen Motoryacht bietet das Layout laut Princess zehn Prozent mehr Platz auf den Außendecks und erstaunliche vierzig Prozent mehr Interiorfläche.

Was das im Praxistest bedeutet, weiß auch Andy Lawrence, der als Director of Design bei Princess alle Gestaltungsfragen betreut: „Als Baunummer eins gerade gelauncht war und in Plymouth im Hafen lag, habe ich unseren Werftkapitän auf allen Decks gesucht. Er war erst nicht aufzufinden. Das wäre auf einer Yacht aus einer unserer anderen Linien nicht passiert.“ Bei der Entwicklung verließ sich das Werftteam auf ein bereits eingespieltes Team: den in Cowes lebenden Konstrukteur Bernard Olesinski und das italienische Studio Pininfarina. Das erste Projekt, das dieser ungewöhnlichen Kooperation entsprang, war das knapp elf Meter lange Performance-Format R35 (Heft 2/19), das sich nicht nur durch sein innovatives Foil-System von der Weekender-Masse abhebt, sondern auch durch seine organisch geschwungenen Linien. Nach dem Betreten der Yacht über die große, mit Teakholz verkleidete Badeplattform führen zwei markante Treppen hinauf zu einem großen Hauptdeckcockpit. Wie sehr sich die „Superfly“ X95 von anderen Yachten unterscheidet, wird erst deutlich, wenn sich die Schiebetüren zum Salon öffnen. Das Erlebnis ist in der Tat eindrucksvoll: Die Verlängerung des Hauptdecks bis zum Bug schuf einen luftigen und hellen Bereich, der sich über knapp 18 Meter Länge erstreckt. Dieser XXL-Raum, der dank bodentiefer Fensterfronten zu beiden Seiten lichtdurchflutet ist, kann – wie bei Princess üblich – in vielfacher Weise auf die Bedürfnisse des Eigners angepasst werden. „Auch die X95 ist ein klassisches Semi-Custom-Modell“, erklärt Andy Lawrence.

George Edwards Offenes Raumgefühl: Riesige Fensterpaneele rahmen den Salon ein und fluten das Interior mit natürlichem Licht.

„Der Rumpf und die Aufbauten dienen lediglich als Plattform, um gemeinsam mit dem Eigner kreativ durchstarten zu können. Es dreht sich darum, die Raumaufteilung festzulegen, die Anzahl der Kabinen, das Gym- und Spa-Angebot und schließlich die Einrichtung an sich.“ Der Fantasie der Kunden sind kaum Grenzen gesetzt, und es gilt, unter Tausenden von Alternativen und Vorschlägen die Wünsche der Eigner herauszufiltern, eine Mammutaufgabe, die nicht immer einfach ist, wie der Design-Direktor verrät. „Natürlich helfen unsere Gestalter auf Wunsch dabei, die gewaltige Auswahl einzugrenzen.“ So ist es überaus wahrscheinlich, dass von den zwölf bereits verkauften X95-Einheiten keine Yacht der anderen gleichen wird – abgesehen von der Rumpfform und den eleganten Pininfarina-Schwüngen der Aufbauten natürlich.

Der Eigner der Baunummer zwei, die hier im Detail zu sehen ist, entschied sich für eine eher klassische Aufteilung mit einer Sofalounge im achterlichen Bereich. Davor schließt sich steuerbords der Speisetisch für acht Personen an, gegenüber wartet ein Sesselduo mit Coffeetable und benachbarter Anrichte auf Gäste. Die Aussicht auf die vorbeiziehende Landschaft und das Meer ist dank XXL-Verglasung wahrlich spektakulär. Wenige Schritte in Richtung Bug verrichtet der Chef seine Arbeit in einer Galley, die über reichlich Stauraum verfügt und ebenfalls nach den Vorstellungen des Eigners spezifiziert wurde. Nebenan führt ein schmaler Korridor in eine auf drei Seiten von großen Fenstern eingerahmte Mastersuite, wie sie an Bord einer knapp 29-Meter-Yacht ihresgleichen sucht. Backbords neben dem Kingsizebett laden zwei Sessel mit kleinem Tisch zum schnellen Morgenkaffee ein, dahinter lockt das Bad zur Dusche. Das vordere XL-Fenster gibt den Blick auf eine gemütliche Buglounge und den Horizont frei und flutet den Raum mit Licht. Eine blickdichte Jalousie fährt auf Knopfdruck aus und sorgt für Privatsphäre.

Machen den Unterschied: der überdimensionale Bug- und Heckbereich der „Superfly“, die sich über die eindrucksvolle Länge von 22 Metern erstreckt.

Vom Salon aus führt eine Wendeltreppe in das Herzstück der X95, die Skylounge. Dieser Raum ist komplett geschlossen und rundum verglast. Vorn brachte die Werft die von drei Raymarine-Displays und zwei komfortablen Kapitänsstühlen dominierte Brücke unter, die Schiebetüren auf Wunsch vom dahinterliegenden Oberdecksalon abtrennen. „So lässt sich mit wenigen Handgriffen Privatsphäre für den Eigner und seine Gäste schaffen, sollte die Crew mit dem Navigieren beschäftigt sein“, ergänzt Lawrence. Zwei weitere Mikro-Zusatzsteuerstände auf dem oberen Seitendeck und auf der Backbordseite des Hauptdeckcockpits erleichtern dank optimaler Übersicht das Einparken in engen Marinas. Die Skylounge ließ der Eigner der Baunummer zwei traditionell und informell aufteilen. Achtern steht ein L-förmiges Sofa mit dazu passendem Couchtisch, aus der Anrichte gegenüber fährt ein TV. Per Knopfdruck öffnen sich die Glasschiebetüren und geben den Weg auf die achterliche Fly frei. „Es gibt einen guten Grund, warum wir dieses Deck ,Superfly‘ genannt haben“, erklärt Andy Lawrence stolz. „Vom Bug bis zum Heck misst dieser Bereich 22 Meter und ist damit rund doppelt so lang wie die Standard-Flybridge einer gleich langen konventionellen Yacht.“ Achtern der Skylounge sorgen ein überdachter Speisetisch für zehn Gäste, eine Grill- und Bar-Einheit und zwei sich gegenüberstehende Sofas für das passende Setting, um al fresco zusammenzukommen. Über das Steuerbordseitendeck erreichen Eigner und Gäste den vorderen Loungebereich mit U-förmigem Sofa und Jacuzzi.

Auf dem Unterdeck entschied sich der Eigner für ein kabi­nenreiches Layout. Vier Gästesuiten nehmen den gesamten Bereich vor dem Motorenraum ein, in dem zwei MAN-Zwölfzylinder mit zusammen 2830 Kilowatt Leistung für einen Topspeed von 26 Knoten arbeiten. Als erste Yacht des Princess-Modellportfolios legt der voluminöse 94-Tonner standardmäßig mit zwei 40-Kilowatt-Generatoren ab. Achtern des großzügig dimensionierten Maschinenabteils erstreckt sich das Crewquartier mit Messe, Kapitäns- und Stockbettkabine. Den Tender und einen Jetski staut die Deckhand in der Garage dahinter und quer zur Fahrtrichtung. eiDie Princess „Superfly“ X95 interpretiert die Raumarchitektur auf Yachten auf innovative Weise. „Unser neues Cross-over-Modell besitzt das Volumen einer 35-Meter-Yacht“, so Designchef Andy Lawrence. „Dem Eigner und seinen Gästen stehen mit dem Cockpit, der Flybridge und der versteckt gelegenen Buglounge drei riesige Outdoorzonen zur Verfügung, die sehr unterschiedliche Charaktere besitzen.“

Sportlich unterwegs: Zwei je 1415 Kilowatt starke MAN-Zwölfzylinder beschleunigen den Halbgleiter auf eine Maximalgeschwindigkeit von 26 Knoten.

Obgleich das äußere Erscheinungsbild auf den ersten Blick ungewohnt und fremd wirkt, unter dem Gesichtspunkt FFF – die Form folgt der Funktion – überzeugt das Gesamtpaket auf ganzer Linie. Übrigens auch unter Wasser. Es gelang Bernard Olesinski, eine Rumpfform mit maximal gestreckter Wasser­linie und Mini-Bugwulst zu entwickeln, die 16 Prozent weniger Widerstand erzeugt als herkömmliche Designs. Und damit deutlich effizienter auf Reisen geht. Ein gutes Gefühl.

8 Bilder

Princess X95 Interior


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