Natürlicher Charme

  • Martin Hager
 • Publiziert vor 4 Monaten

Mit der 34,14 Meter langen „Liara“ lieferte Baltic Yachts einen leichten Supersegler-Traum mit naturnahem Adam-Lay-Interior. BOOTE EXCLUSIV segelte die 88-Tonnen-Slup vor der Côte d’Azur.

Feinste Garderobe: Am Wind stehen 738 Quadratmeter North-Sails-Laminat am 45 Meter in den Himmel ragenden Karbonmast von Southern Spars. Aus Performance- und Gewichtsgründen entschied sich der Eigner für einen Park-Avenue-Baum.  

Diese Geschichte beginnt mit einem erfüllten Traum. "Ich seg­le, seitdem ich denken kann", erzählt der britische "Liara"-Eigner gemütlich an den Heckkorb gelehnt, während sich seine neue 34-Meter-Baltic den Weg aus dem vollen Port Hercule bahnt. "Ich habe schon zahlreiche Segelyachten besessen, von 20 Fuß bis hin zu meiner letzten Yacht, einem 32 Meter langen Bill-Dixon-Design (jetzt "Danneskjold"), die 2009 bei Southern Ocean vom Stapel lief. Mit ihr machten wir etliche große Reisen und gingen bei einigen Regatten an den Start. Eine Baltic stand allerdings schon immer ganz weit oben auf meiner Yacht-Wunsch­liste – nur muss man sich die auch erst mal leisten können."

Das Warten hat sich gelohnt – die jüngste "Liara" ist geradezu ein Muster­beispiel an Yachtbaukunst, die das finnische Unternehmen seit seiner Gründung im Jahr 1973 wahrlich perfektioniert hat. Eigner, die bei Baltic ordern, haben präzise Vorstellungen – herausragende Qualität, Leichtbau und Innovation sind nur einige der Schlagworte, die Yachtkennern einfallen, wenn der Name der Werft aus Pietarsaari fällt. "Die ursprüngliche Idee des Eigners war es, einen sportlichen Familien­cruiser aufs Wasser zu bringen", erzählt Yachtdesigner Malcolm McKeon, dessen Studio MMYD den Auftrag für die Entwicklung der Rumpflinien und das Styling des Exteriors erhielt. "Der ganze Plan änderte sich jedoch recht schnell, als klar war, dass ,Liara‘ auch Regatten segeln wird. Wir mussten radikal umdenken und zusehen, dass wir auf allen Ebenen so viel Gewicht wie möglich einsparen." Die Werftarbeiter hielten sich unter der Führung von Projektleiter Tommy Johansson an den strengen Gewichtsplan und realisierten dank ihres engagierten Einsatzes und durch Ideenreichtum sogar eine Verdrängung, die mit 88 Tonnen unter dem berechneten Leergewicht lag. Mithilfe von CFD-Programmen (Computational Fluid Dynamics) optimierte das Design­team die Anhänge und Rumpflinien, sodass sich die "Liara"-Crew besonders bei leichten bis mittleren Winden über einen deutlich spürbaren Performance-Gewinn freuen kann.

"Einen Riesenunterschied machte die Integration des Retractable Propulsion Systems, kurz RPS", so McKeon. Die drehbar gelagerte Pod-Antriebseinheit fährt in weniger als einer Minute und knapp hinter dem Kiel aus dem Rumpf und ermöglicht dem Kapitän eine intuitive Joystick-Steuerung, sodass selbst enge Liegeplätze keine Herausforderung mehr darstellen. "Wer sich nur ein wenig mit Hydrodynamik auskennt, dem ist sofort klar, dass die Yacht ohne ausgefahrenen Antriebsstrang erheblich schneller beschleunigt und bei Regattastarts und an Wendemarken merklich agiler zu steuern ist", kommentiert der Yachtdesigner das innovative System. Ein weiterer Pluspunkt des RPS ist, dass sich die gesamte Einheit bei Nichtgebrauch vor Anker oder im Hafen in den Rumpf fahren und dank Überdrucksystem trocken lagern lässt – das reduziert Bewuchs und schont die gesamte Mechanik. Auf den einzigen Haken des Systems weist der 31-jährige Kapitän John Walker hin, der "Liara" in Rotation mit Skipper Tom Haycock führt: "Man muss nur genau planen, wann man das RPS in den Rumpf fährt – denn dann steht einem die kompakte Antriebsgondel nicht mehr spontan und mal eben zur Verfügung." Hinzu kommt, dass sich der Motor nur ausfahren lässt, wenn "Liara" mit weniger als sechs Knoten unterwegs ist – eine präzise und vorausschauende Planung der Motormanöver ist also unerlässlich. Dafür wird man unter Segeln mit 0,2 bis 0,5 Knoten mehr Speed belohnt.

Leichtfüßig und lebendig: "Liara" braucht dank geringer Verdrängung und sportlich ausgelegtem Rigg nur wenig Wind für maximalen Segelspaß.   

Zu den komplexen konstruktiven Her­ausforderungen rechnet der Projekt­leiter zudem die Positionierung der RPS-Rumpföffnung in unmittelbarer Nähe zum Teleskopkiel. "Hieran haben wir ganze acht Monate gearbeitet und waren am Ende doch im Zeitplan", erzählt der Ingenieur stolz. Der von APM in Italien gefertigte Teleskopkiel reduziert den Tiefgang auf Knopfdruck und hydraulisch von 6,15 auf 3,91 Meter und bringt es gemeinsam mit der Bombe auf ein stattliches Ballastgewicht von 31 Tonnen. Das MMYD-Team arbeitete intensiv an der Reduzierung der benetzten Oberfläche und an der hydrodynamischen Optimierung der Rumpfanhänge. "Ein Riesenvorteil des Teleskopkiels im Gegensatz zum konventionellen Liftkiel ist, dass keine massive Kielbox wertvollen Lebensraum im Salon vernichtet", erzählt Baltic-Verkäufer Marcus Jungell, während er durch den Niedergang in den lichten Salon absteigt. Für die Ausarbeitung des Interiors engagierte der Eigner Adam Lay, nachdem er die von dem britischen Designer gestaltete Inneneinrichtung der 2013 abgelieferten 32-Meter-Baltic "Inukshuk" gesehen hatte. "Ich sollte ein praktisches und funktionales Interior mit smarten und vielfältigen Staumöglichkeiten gestalten, das sich offen und hell anfühlt und von der Natur der Kanalinseln inspiriert ist – dem Heimatort des Eigners", erläutert Adam Lay die Designvorgaben.

So überwiegen an Bord sanfte und gedeckte Farbtöne, die man in der Natur von Guernsey und Jersey findet. Garniert wird der natürliche Charme mit reichlich indirektem Licht, das den Räumen weitere Tiefe und viel Gemütlichkeit verleiht. Die Oberflächen der Möbel und Böden ließ Lay von der Werfttischlerei manuell bearbeiten, sodass das Interior wirkt, als sei es über Jahre natürlich gealtert. "Wir lieben unser gemütliches und warmes Interior", schwärmt der Eigner. Überall an Bord finden sich weitere Hinweise auf die Natur. Die Oberflächen des Speise- und der Sofatische wurden so bearbeitet, dass sie kleinen Windwellen auf einer glatten Wasseroberfläche ähneln. Die Hängeschrankfronten erinnern "Liara"-Besucher unvermittelt an grobe Baumrinde. Die einzig nennenswerten Farbkleckse im Interior liefern einzelne Kissen und Gemälde der auf Guernsey lebenden Malerin Valerie Travers.

Beim Layout wagte der Eigner keine großen Experimente. Im Bug befindet sich seine geräumige Suite, dahinter schließt sich an Backbord eine VIP-Kabine und gegenüber eine einladende Entertainment-Lounge mit Flachbild-TV und L-förmigem Sofa an. Der achtern anschließende Salon beeindruckt durch seine schiere Größe, das offene Layout und die Helligkeit. Große Fensterpaneele in den Aufbauten fluten den Raum mit natürlichem Licht und verbinden das geräumige Gästecockpit visuell mit dem Exterior. ",Liaras‘ Salon ist unvergleichlich groß für eine 34-Meter-Yacht", lässt Adam Lay wissen. "Das verdanken wir dem Team von Malcolm McKeon, das den Raumplan auch dank der Integration des Teleskopkiels radikal optimierte – wir durften den vorhandenen Platz dann nach den Vorstellungen des Eigners füllen." Zwei nahezu identisch aufgeteilte Gästekabinen liegen achtern des Salons, dahinter schließt sich das geräumig geschnittene Crewquartier inklu­sive Galley, Messe, Wäscherei, Büro- und Navigationsecke, Kapitänskammer und zwei Doppelkabinen mit eigenen Bädern an. "Für eine 34-Meter-Slup fällt der Crewbereich sehr großzügig aus", kommentiert Marcus Jungell. "Dank seines großen Erfahrungsschatzes weiß der Eigner, wie wichtig es für das gesellschaftliche Klima an Bord ist, dass die Mannschaft genügend Lebensraum bei möglichst viel Komfort hat."

Einladend: Adam Lay ist für seine wohlig-warmen Inneneinrichtungen bekannt. Sanfte Erdtöne dominieren auch im "Liara"-Salon, die Holzoberflächen ließ der britische Interiordesigner aufwendig und manuell auf alt trimmen.  

Zudem zählt "Liara" zu den wenigen Segelyachten, die von zwei Kapitänen im Rotationsprinzip geführt werden. Die beiden 31 Jahre jungen Skipper John Walker und Tom Haycock sammelten viele Meilen auf J-Class- und großen Maxi-Yachten und lernten sich schließlich auf der 32-Meter-"Liara" kennen, der Vorgängeryacht des Eigners. "Wir begleiteten den Bau der neuen ,Liara‘ bei Baltic und träumten schon während dieser Zeit davon, ein Rotationssystem für den Neubau zu realisieren", erzählt John Walker, während er "Liara" Kurs Südost in Richtung Nizza steuert. "Für die nächsten zwei Jahre haben wir ein fantastisches Reise- und Regattaprogramm, und unser Boss lässt uns bei der Planung unserer Arbeitseinsätze komplett freie Hand." So lässt sich auch für die beiden jungen Familienväter eine gute Work-Life-Balance erreichen. Die Großyachterfahrung der beiden Skipper machte sich der Eigner auch bei der Planung des Cockpitlayouts zunutze. "Ich wollte, dass ,Liara‘ auch mit der Stammcrew einfach und schnell zu segeln ist", erzählt er. Wie schnell "Liara" segelklar ist, führt die Crew auf Höhe von Cap-d’Ail eindrucksvoll vor. Das Windex auf dem 45 Meter in den Himmel ragenden Southern-Spars-Mast registriert eine minimale Zunahme des wahren Windes von einem auf vier Knoten – ein laues Lüftchen, mehr nicht. "Ich denke, wir sollten die Segel setzen", sagt John Walker mit einem Lächeln und lenkt "Liara" in den "Wind", während Deckhand Thorben Rapp das Großfall klarmacht. Nicht einmal eine Minute später flattern das im Topp weit ausgestellte 437-Quadratmeter-Groß und die 301-Quadratmeter-Genua im Wind. Wobei das Verb "flattern" kaum den müden Bewegungen des recht steifen North-Sails-3Di-Laminats gerecht wird.

Umso beeindruckender ist die Beschleunigung, die der 88 Tonnen verdrängende Baltic-Neubau bei diesen Leichtwind­bedingungen vollführt. Prompt springt die Logge auf sieben Knoten, klar und deutlich abzulesen an den vier direkt vor dem Großschot-Traveller platzierten Sailmon-Displays im XL-Format, die eine ganze Reihe an nützlichen Informationen in Echtzeit und großen Lettern anzeigen – Kurs zum Wind, wahrer Wind, Kurs, Geschwindigkeit über Grund, Tiefe. "Dank unseres sportlich ausgelegten Hydraulikpakets können wir das Groß im Regattamodus sogar in unter dreißig Sekunden setzen. Aber die Harken-Deckswinschen sind von diesen Sondereinsätzen nicht super begeistert", erklärt der Kapitän und übergibt mir das Steuer. Mittlerweile hat sich die thermische Brise aufgebaut, und die Instrumente zeigen einen konstanten Wind von neun Knoten an, während "Liara" bei 10,5 Knoten und bereits in Gleitfahrt in Richtung Nizza unterwegs ist. Der Ruderdruck am formvollendeten Kohlefaser-Steuerrad ist angenehm, und "Liara" reagiert auf Steuerbefehle, als wäre sie ein sportlicher 34-Füßer – und keine 34-Meter-Yacht!

Der Eigner hat sich mittlerweile in das Gästecockpit verholt und es sich dort auf einem der bequemen Sofas hinter dem Niedergang gemütlich gemacht. Er weiß seine "Liara" in sicheren Händen und nutzt die Zeit für ein ausgiebiges Mittagsschläfchen im Schatten des fest installierten Biminis. "Für Regatten lässt sich das Hardtop abnehmen", sagt John Walker. "Die Aktion muss allerdings gut geplant werden, denn der sperrige Schattenspender wiegt einige Hundert Kilo."

Mit ihrem sportlichen Segelplan, dem innovativen RPS, dem Teleskopkiel und dem auf hohe Drücke und damit große Winsch­geschwindigkeiten ausgelegten Hydrau­liksystem gehört "Liara" zu den technisch ausgereiftesten Segelyachten, die in den letzten Jahren gewassert wurden. Für den Eigner hat sich ein großer Traum erfüllt. "Ich kann mir kein besseres Segelleben vorstellen", erzählt er zufrieden und ausgeschlafen. "Wir werden diesen Winter in der Karibik verbringen, nächstes Frühjahr die ein oder andere Großyachtregatta mitsegeln und uns dann langsam, aber sicher auf den Weg in Richtung Neuseeland machen, sodass wir im Jahr 2021 beim America’s Cup vor Auckland in erster Reihe liegen und dort auch bei den geplanten Superyacht-Wettfahrten mitmischen können." Ganz vorn, versteht sich!

15 Bilder

"Liara"

Schlagwörter: Adam Lay Baltic Baltic Yachts Malcom McKeon MMYD


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