Youtuber eSysman im Porträt„Ungenauigkeiten korrigieren“

Sören Gehlhaus

 · 26.08.2022

Youtuber eSysman im Porträt: „Ungenauigkeiten korrigieren“Foto: eSysman
Vor Ort: Der Brite sendet zurzeit aus Genua, wo er auf einer Yacht arbeitet. Hier steht er vor „DAR“, die wohl im Besitz eines russischen Oligarchen ist.

Der YouTuber eSysman fährt seit 20 Jahren als ETO auf Großyachten. In seinen Videos verhandelt er Tabuthemen wie Eigner-Mätressen, Waffen an Bord oder gibt monatliche Internetkosten preis. Die Entwicklungen um Yachten russischer Oligarchen beobachtet er fundiert wie pointiert.

“Hi guys, welcome back to the channel“, so begrüßt eSysman die stetig wachsende Zuschauerschaft in seinen YouTube-Videos. Der Electro-Technical Officer (ETO) ist ein erfolgreicher Vlogger, wider Willen, wie er selbst sagt. Ausgerechnet er, der die meiste Zeit unter Deck arbeitet und im Gegensatz zum Kapitän oder der Servicecrew kaum in Erscheinung tritt, veröffentlicht regelmäßig Videos aus dem Innersten von Superyachten. Der Brite ist ein Multitalent: „Ich warte und repariere Satelliten- und Funkkommunikationssysteme, integrierte Brücken und so ziemlich alles, was einen Stecker oder eine Batterie hat. Wenn man 3000 Meilen vom Land entfernt ist, gibt es keine anderen Leute, die man fragen kann.“ Aber neben technischen Themen wie Bunker- oder Satcom-Kosten beleuchtet er auch Eignerschrullen oder Dinge, die sonst im Verborgenen liegen wie unmoralische Angebote von Gästen an die Crew. Teilweise greift er Yachtingnews auf oder filmt Szenen, wie sie sich während Hafenaufenthalten abspielen. Zusammengenommen wurden seine Videos insgesamt 60 Millionen Mal aufgerufen, der eSysman-Kanal hat 170000 Abonnenten.

Verlagssonderveröffentlichung

Der YouTuber zieht es vor, anonym zu bleiben. „In den Anfängen war ich so besorgt, dass ich leugnete, eSysman zu sein, wenn ich in Monaco erkannt wurde!“, berichtet er BOOTE EXCLUSIV und verrät, dass er 50 Jahre alt ist, aus England stammt, wo er ein Haus hat, und dass er die Hälfte des Jahres mit seiner Verlobten in Peru lebt. „Ich möchte nicht meine Identität preisgeben, besonders jetzt, mit meinen Berichten über russische Milliardäre – auch wenn ich glaube, dass ich neutral berichte.“ Auf welchen Yachten er bereits gearbeitet hat, darf er aufgrund von Verschwiegenheitsklauseln (NDAs) nicht sagen. „Auch die Geschichten, die ich in meinen Frage-und-Antwort-Videos erwähne, beziehen sich auf einige von ihnen. Ich würde die Geschichten niemals den echten Personen zuordnen wollen“, so eSysman, der wissen lässt, dass er auf bekannten Yachten von Lürssen, Blohm+Voss oder Feadship angestellt war, teils im 140-Meter-plus-Sektor.

Zum Zeitpunkt des Interviews hatte er auf einer Großyacht in Genua angeheuert, von wo aus er seine tagesaktuellen Videos zu den Geschehnissen um beschlagnahmte oder flüchtende Yachten russischer Oligarchen produzierte. Generell ist das meist mit großem Rechercheaufwand verbunden, wobei eSysman auf ein großes Netzwerk aus Besatzungsmitgliedern zurückgreifen kann, die ihm Informationen aus erster Hand zuspielen. In einigen Videos geht es um komplexe politische Verflechtungen mit geheimdienstlicher Beteiligung, die einem James-Bond-Film gut stehen würden.

eSysman über Oligarchen, Eigner und die Entstehung seiner Vlogs

Welchen beruflichen Hintergrund haben Sie und wie sind Sie in die Superyachtbranche eingestiegen?

Ich habe zehn Jahre lang beim Militär gedient, wo ich unter anderem für die Wartung von elektronischen Geräten und Parabolantennen zuständig war. Später wechselte ich in den technischen IT-Support, als dieses Segment im täglichen Leben der Neunzigerjahre immer wichtiger wurde. Nach meinem Ausscheiden aus dem Militärdienst arbeitete ich für ein Luft- und Raumfahrtunternehmen, und nach einer kurzen Zeit im Verlagswesen wechselte ich in die maritime Industrie. Ich arbeitete zunächst auf Kreuzfahrtschiffen und ging schließlich auf Superyachten. Das war gar nicht so einfach, viele wollten Erfahrungen auf Yachten sammeln. Aber dann bekam ich einen Job auf einem alten Kreuzfahrtschiff, das ein Eigner aus dem Nahen Osten zu einer Yacht umbauen ließ. Sie suchten also speziell nach jemandem, der sich mit Kreuzfahrern auskennt. Sobald ich das in meinem Lebenslauf hatte, öffnete sich mir die Tür zur Yachtbranche.

Wie haben Sie mit den Vlogs angefangen?

Ich hatte einen YouTube-Kanal, aber das war nur ein Hobby. Mein Kanal handelte ausschließlich von meinen Porsches, da ich ein großer Autonarr bin; einfach lustige Videos über meine Fahrzeuge. Dann postete ich eines Tages auf Instagram ein kurzes Video von meiner Arbeit an Bord in Monaco. Es zeigte einen Tender von „A“, der den Hafen verließ, und ich schrieb einen Hashtag wie „Is this the supercar of tenders?“ Das Interesse war so groß, dass ich anfing, mehr zu posten, und darüber nachdachte, ein Video von der Yacht zu machen, auf der ich gerade arbeitete. Es ist jetzt lustig, aber ich habe immer angenommen, dass mein Job einfach nur ein Job ist, ich hätte nie gedacht, dass sich Leute außerhalb der Branche dafür interessieren.

Bunker-Krimi: 140-Meter-„Solaris“ fuhr neben einem russischen Tanker vor Griechenland, teils ohne AISFoto: eSysman
Bunker-Krimi: 140-Meter-„Solaris“ fuhr neben einem russischen Tanker vor Griechenland, teils ohne AIS
In Bodrum warteten protestierende Ukrainer.Foto: eSysman
In Bodrum warteten protestierende Ukrainer.

Schiffsname und Interior darf nicht gezeigt werden

Als Sie mit dem Kanal vor fünf Jahren an den Start gingen, haben Sie auch von Bord aus gevloggt. Was haben die Eigner dazu gesagt, und wie ging es weiter?

Als ich ein paar Videos auf einer Yacht gedreht habe, fand der Kapitän es in Ordnung, solange ich den Schiffsnamen nicht zeigte oder aus dem Interior filmte. Aber es gibt viele schlaue Leute, die sich die Videos ansehen und die Yacht nach ein paar Videos identifiziert haben. Die Videos wurden innerhalb weniger Tage Tausende Male aufgerufen. Bis dahin hatten meine Hobbyauto-Videos 300 Aufrufe, plötzlich hatte ich 10000 Aufrufe! Mir wurde sehr bald klar, dass die Nachfrage nach dieser Art von Inhalten groß ist. Ich erhielt (meistens) großartiges Feedback, was mich dazu inspirierte, mehr zu machen. Seit den frühen Neunzigern interessiere ich mich für die Erstellung von Videos, aber es gab nie eine Plattform, auf der ich sie veröffentlichen konnte. Das Internet gab es damals noch gar nicht. Jetzt hatte ich diese Plattform und all dieses Wissen, also fing ich an, einfach in den angesteuerten Häfen herumzulaufen und über das zu sprechen, was ich sah.

Ich hatte allerdings ein Problem – ich war kamerascheu. Ich wollte filmen, aber ich wollte nicht gesehen werden. Außerdem dachte ich, dass ich in einer so geheimnisvollen Branche arbeite, dass es meiner Karriere schaden könnte, wenn ich mein Gesicht zeige. Mir wurde jedoch schnell klar, dass der Kanal ein Gesicht braucht, wenn er wachsen soll. So begann ich widerwillig, in den Beiträgen aufzutauchen, obwohl man sehen kann, dass ich mich vor der Kamera ziemlich unwohl fühle. Das hat sich erst etwa vor zwei Jahren geändert, als ich anfing, über Frage-und-Antwort-Videos mit meiner Community in Kontakt zu treten.

Zuschauerfragen beantwortet er zum Teil am Steuer seines PorschesFoto: eSysman
Zuschauerfragen beantwortet er zum Teil am Steuer seines Porsches

Management streitet Eignerschaft ab

Während des russischen Krieges gegen die Ukraine laden Sie täglich Videos hoch. Wie schaffen Sie es, stets so gut informiert zu sein?

Als die Invasion begann und ich die Reaktion der Regierungen erlebte, dachte ich, das müsse dokumentiert werden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich fast ausschließlich auf die Schiffe konzentriert und nicht wirklich viel über die Eigner gesprochen. Aber hin und wieder erwähnte ich, wem ein Schiff gehörte. Und das führte oft zu E-Mails von Managementfirmen, die mir mitteilten, dass diese Person keine Yacht besitze, und die mir sogar mit pseudorechtlichen Schritten drohten.

Eines der Schiffe, über das ich in der Vergangenheit berichtet und den Eigner erwähnt hatte, war „Ragnar“. Das Management bestritt in einem bösen Brief vehement, dass er der Eigner sei, obwohl ich mit großer Sicherheit wusste, dass ihm die Yacht gehörte. So gut es in dieser Branche eben möglich ist. Dann sah ich „Ragnar“ in der Presse, als der Krieg begann, und alle berichteten über denselben Eigner. Und je mehr ich las, desto interessanter fand ich die Geschichte. Also habe ich ein Folgevideo gedreht, aber vorher habe ich dieselbe Person kontaktiert und um eine Stellungnahme gebeten. Sie leugnete immer noch, dass ihm die Yacht gehöre, und tut es auch jetzt noch. Ich habe die Aussage in einem Video vorgelesen.

Generell fiel mir auf, dass die Presseberichte ziemlich ungenau waren, da viele Journalisten anscheinend keine Ahnung von dieser Branche haben. Ich wollte die Ungenauigkeiten korrigieren. Nach der „Ragnar“-Geschichte setzten die Franzosen ein russisches Schiff fest, und ich begann daraufhin, Video für Video darüber zu berichten. Diese Beiträge machte ich durch mein Wissen über die Branche etwas bunter, indem ich einfach darüber sprach, was ich sah. Ich „übersetzte“ und erklärte, was die Details bedeuteten, die dem Leser sonst vielleicht entgangen wären.

Newscharakter: Zur Hochzeit der Yacht-Festsetzungen gab es tägliche Video-UpdatesFoto: eSysman
Newscharakter: Zur Hochzeit der Yacht-Festsetzungen gab es tägliche Video-Updates

Wladiwostok als Zufluchtsort für Superyachten

Glauben Sie, dass Yachten als nächste Stufe der Beschlagnahmung tatsächlich enteignet und als letzte Konsequenz versteigert werden könnten?

Das hängt davon ab, wie lange das so weitergeht. Im Moment scheint die Vorstellung, dass „Dilbar“ oder „Crescent“ versteigert werden, verrückt zu sein, aber wenn Sie mir vor zwei Wochen gesagt hätten, dass Herr Usmanovs fantastische Superyacht beschlagnahmt werden würde, hätte ich das auch nicht geglaubt. So wie ich die Dinge sehe, werden die Schiffe zurückgegeben, nachdem dieser Konflikt (hoffentlich) beigelegt ist. Je länger der Krieg andauert, desto mehr sehe ich, dass die Regierungen, die diese Schiffe festgehalten haben, enorme Gelder für deren Lagerung aufbringen müssen. Diese Kosten werden höchstwahrscheinlich auf den Eigentümer abgewälzt, sobald dieser der Rückgabe zustimmt. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass einige Yachten verkauft werden, wenn der Eigner wegen eines Verbrechens angeklagt wird. Aber das ist im Moment nur eine Vermutung.

In welchem Hafen werden die Yachten auf der Flucht landen?

Je länger dieser Krieg andauert, desto mehr Yachten sehe ich, die nach langfristigen Liegeplätzen suchen. Einige unabhängige Quellen berichteten mir, dass der ostrussische Hafen Wladiwostok für sie geöffnet wurde, um ihre wertvollen Besitztümer dort zu lagern. Hier befindet sich auch die Pazifikflotte der russischen Marine. Ich glaube, dass sich derzeit zwei Schiffe auf dem Weg dorthin befinden, die 141 Meter lange „Nord“, die sich dort wie zu Hause fühlen dürfte, da sie einem Flugzeugträger ähnelt, und „Amadea“.

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