Erfolgreiche Zugriffe, flüchtende Gigas Erfolgreiche Zugriffe, flüchtende Gigas Erfolgreiche Zugriffe, flüchtende Gigas

Erfolgreiche Zugriffe, flüchtende Gigas

  • Sören Gehlhaus
 • Publiziert vor 2 Monaten

Als Folge von Wladimir Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine häufen sich die Festsetzungen von Yachten kremlnaher Oligarchen. Das BKA legte „Dilbar“ in Hamburg an die Kette.

Nach dem 24. Februar rückten die Yachten von Oligarchen aus dem Dunstkreis Wladimir Putins schnell in den Fokus internationaler Ermittler. In Deutschland wurde die 156 Meter lange „Dilbar“ zum Symbol für Beschlagnahmen und Festsetzungen. Die vom Volumen her größte Yacht der Welt befindet sich seit Kriegsbeginn bei Lürssen Yacht Refit & Services in Hamburg. Nachdem „Dilbar“ von diversen Medien bereits für beschlagnahmt erklärt worden war, teilte das Bundeskriminalamt (BKA) am 13. April per Kurznachrichtendienst Twitter mit, dass man „trotz Offshore-Verschleierung“ Gulbakhor Ismailova, die Schwester von Alischer Usmanow, als Eigentümerin ermitteln konnte. Das Auswärtige Amt, Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz und Bundesfinanzministerium hätten dafür gesorgt, dass Ismailova auf der EU-Sanktionsliste landet. Somit konnte man „Dilbar“ nach Sanktionsrecht festsetzen.

Carolin Thiersch „Dilbar“ in Hamburg: Unter der Einhausung liegt der 156 Meter lange Lürssen-Bau an der Kette.

Welche Yachten festgesetzt sind

Aktualisiert am 30.03.2022

Von Beginn an entschlossen zeigten sich italienische Behörden. Ganzjährige Geschäftigkeit ist nichts Ungewöhnliches für die Pier- und Kaianlagen der dortigen Yachthäfen. Doch statt Crewtransfer, Provisionierungs- oder Handwerkerfahrzeugen gab es Blaulicht, Uniformierte und Männer in dunklen Anzügen an den Hecks zu beobachten. Die Schnellzugriffe der Guardia di Finanza lieferten wirkmächtige Bilder; die italienische Regierung wollte früh Zeichen aussenden, dass sie strikt gegen kremltreue Oligarchen vorgeht, die auf immer länger werdenden EU-Sanktionslisten stehen.

Peter Seyfferth Vereintes Duo: „SY A“ und „A“ gehören Andrei Melnitschenko.

Ein Exempel statuierte man am Freitag, den 11. März in Triest. Während eines Werftaufenthalts setzte die italienische Finanzpolizei „SY A“ von Andrei Melnitschenko fest. Der im schweizerischen St. Moritz gemeldete Russe soll die meiste Zeit des Jahres sowohl auf dem 143 Meter langen Dreimaster, mit dem er zum Jahresende Island besuchte, als auch auf dem Motor-Pendant „A“ verbringen, das zuletzt vor den Malediven kreuzte und dessen AIS derzeit kein Positionssignal sendet.

In Barcelona machten spanische Behörden „Valerie“ (85 Meter, Lürssen) dingfest. Der französische Zoll legte in La Ciotat „Amore Vero“ an die Kette. Bei den 85 Metern aus Oceanco-Hallen soll die Eignerfrage nicht final geklärt sein. Eindeutig ist sie im Fall von „Lady M“, die im ligurischen Imperia Besuch von der Guardia di Finanza bekam. Das 65 Meter lange Palmer Johnson-Format gehört Alexei Mordashov, ehemaliger Großaktionär und Aufsichtsrat von TUI. Der 56-jährige Russe soll auch über die 141,60 Meter messende „Nord“ verfügen.

Douane Française Festgesetzt: „Amore Vero“ in La Ciotat.

Die am 16. März im kroatischen Rijeka beschlagnahmte 92-Meter-Feadship „Royal Romance“ bewegt sich wieder frei; wohl konnte der von der Crew angeführte Eignerwechsel hinreichend plausibel gemacht werden. Die kroatischsprachige Tageszeitung Novi List hatte zuvor berichtet, dass es Drohungen gegeben habe, die Yacht in Brand zu stecken. Am 22. März wurde „Axioma“ aus der Karibik kommend in Gibraltar an der Weiterfahrt gehindert. Ihren mutmaßlichen Eigner Dmitry Pumpyansky sanktionierten sowohl EU als auch Vereinigtes Königreich. Die 72-Meter-Yacht unterliegt laut Gibraltar Broadcasting Corporation bis auf weiteres dem Arrest durch den Marschall der Admiralität.

Auch das Madrider Verkehrsministerium schaut sich Vermögenswerte von Oligarchen nun ganz genau an und prüft verdächtige Yachten in spanischen Häfen auf ihre tatsächlichen Eigner (wirtschaftlich Berechtigte). Zugriffe auf Mallorca betrafen „Tango“ (78 Meter, Feadship) und „Lady Anastasia“, die bereits für Schlagzeilen im Zusammenhang mit einer versuchten Versenkung durch den ukrainischen Chefingenieur sorgte.

Giovanni Romero „Crescent“: Eine ältere Aufnahme der 135-Meter-Lürssen vor der Küste Gibraltars.

Zudem stellten spanische Behörden in Tarragona die 135 Meter messende „Crescent“ in einer Werft sicher. Reuters, das aus der gleichnamigen Nachrichtenagentur hervorgegangene Medienhaus, will Rosneft-Chef Igor Setschin als ihren Eigner ausgemacht haben. Der Lürssen-Bau „Crescent“ trug vor der Ablieferung im Jahr 2018 den Projektnamen „Thunder“. Das mutmaßliche Schwesterschiff „Scheherazade“ hieß Projekt „Lightning“ und soll in Verbindung zu Wladimir Putin stehen (Details ganz unten).

„Flying Fox“ wurde am Morgen des 25. März im Hafen von Santo Domingo festgesetzt. Laut der Webseite Dominican Today waren Beamte der US-Zollbehörde Homeland Security Investigations (HSI) an der Aktion in der Hauptstadt der Dominikanischen Republik beteiligt. Nun geht es darum zu klären, in wessen Besitz sich der 136 Meter messende Lürssen-Bau befindet.

Am 29. März legten britische Behörden „Phi“ in den Docks der Canary Wharf an die Kette. Der 58,50 Meter lange Royal Huisman-Bau liegt seit über drei Monaten im Herzen Londons und ist die erste Yacht, die im Vereinigten Königreich festgesetzt wurde. Der britische Verkehrsminister Grant Shapps veröffentlichte ein Foto auf Twitter, auf dem er vor „Phi“ posiert, und postulierte: „Diese Regierung wird weiterhin hart gegen alle vorgehen, die von Verbindungen zum Putin-Regime profitieren.“

Welche Yachten es wohin zieht

Aktualisiert am 31.03.2022

Schiffsbewegungen lassen sich über Tracking-Webseiten wie vesselfinder.com oder marinetraffic.com virtuell verfolgen – wenn denn das AIS (Automatisches Identifikationssystem) eingeschaltet ist. Gemäß SOLAS-Richtlinien sind auch Yachten zur Absendung von Navigationsdaten verpflichtet. Die letzte Position von „Nord“, bevor das AIS lange Zeit nicht mehr sendete, lag vor den Seychellen. Am 31.3. gab es wieder einen Standort: Die 2021 fertiggestellte Gigayacht lief tatsächlich in Wladiwostok ein und bestätigte damit eine steile These. Der Handels- und Militärhafen liegt an Russlands südöstlicher Flanke an der Grenze zu Nordkorea.

Ziel erreicht: Am 31.3. machte die Gigayacht „Nord“ im russischen Pazifikhafen Wladiwostok fest.

Vor Antigua sichteten Yachtspotter „Amadea“, die ihre Position seit dem 24. Februar verschleiert hatte. Die 106-Meter-Lürssen aktivierte ihr AIS kurzzeitig wieder, um durch den Panamakanal zu gelangen. „Quantum Blue“ (104 Meter) wurde vorübergehend in Monaco festgehalten und machte im ägyptischen Port Said Halt, der Einlaufschneise zum Suezkanal. Vom Roten Meer könnte die russische Pazifikküste angefahren werden – oder Dubai. Dort ankert derzeit „Madame Gu“, ohne aktives AIS wohlgemerkt, dafür an prominenter Stelle. Der Eigner der 99-Meter-Feadship, Andrei Skoch, steht auf der EU-Sanktionsliste. Laut einem namhaften Designer, der auf der Dubai Boat Show war, dürfte das Emirat zum zukünftigen Zufluchtsort russischer Eigner werden. Hier saß bereits „Luna“ einen laufenden Scheidungsprozess aus. Der 115 Meter lange Explorer aus der Lloyd Werft soll wieder im Besitz des bislang nicht sanktionierten russischen Eigners sein und hält sich gegenwärtig bei Lürssen Yacht Refit & Services in Hamburg auf, wo auch „Solandge“ festgemacht hat. Als Eigner wird Suleiman Kerimow gehandelt, den die USA und Großbritannien mit Sanktionen belegten.

Eine regelrechte Flucht aus der Karibik hat „Eclipse“ hingelegt. Der 163 Meter lange Blohm+Voss-Bau querte den Atlantik laut AIS mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 17 Knoten – und signalisierte eine Hast, die höchst ungewöhnlich ist für die üblicherweise mit ökonomischer Fahrt getätigte Überführung. „Eclipse“ kroch mit acht Knoten durch das Mittelmeer, scheinbar unschlüssig, ob sie Kurs Montenegro oder Kurs Suezkanal nehmen sollte. Roman Abramowitschs Zweityacht, die 140 Meter lange „Solaris“, zog es nach einem Trockendock-Aufenthalt in Barcelona auf einen Ankerplatz vor Porto Montenegro. In der Marina hatte zu diesem Zeitpunkt die Segelyacht „Black Pearl“ (107 Meter) festgemacht, deren russischer Eigner 2021 verstarb. Zunächst wurde Abramowitsch nur im Vereinigten Königreich sanktioniert. Als die Europäische Union Sanktionen – denen sich Montenegro anschloss – gegen Roman Abramowitsch beschloss, lief „Solaris“ aus und steuerte gemächlich auf das südliche Mittelmeer zu. Zwischenzeitlich gab es keine Positionsmeldung per AIS mehr, am 22. März machte „Solaris“ dann im türkischen Bodrum fest – und traf auf Widerstand von ukrainischen Opti-Seglern. Wie BOOTE EXCLUSIV-Schwestermagazin YACHT berichtet, reisten die acht Jungen und Mädchen im Alter von 9 bis 18 Jahren mit ihrem Trainer und einem Betreuerpaar von einem Trainingscamp in Valencia kommend zur Zeit des Kriegsausbruchs durch Europa und strandeten in der Türkei. In Videos und auf Fotos ist zu sehen, wie sie sich mit einem Dinghy dem Wulstbug nähern und die blau-gelbe Nationalflagge schwenken. Derweil hat „Eclipse“ in Marmaris angelegt. NATO-Mitglied Türkei trägt die EU-Sanktionen nicht mit.

Goliath und David: „Solaris“ erlebte beim Anlegen in Bodrum eine Protestaktion von Ukrainern.

Was noch kommen könnte

Aktualisiert am 28.03.2022

Wie es mit beschlagnahmten Yachten weitergeht, wird die Gerichte beschäftigen. Im Gegensatz zu einer Festsetzung muss die Crew bei einer Beschlagnahme von Bord. Die Yacht gerät dann vorübergehend in den Besitz der jeweiligen Behörde. Um eine Enteignung zu rechtfertigen, muss eine Yacht nachweislich in Verbindung zu kriminellen Aktivitäten gestanden haben. So geschehen mit „Equanimity“ (91,50 Meter, Oceanco), die der malaiische Staat Jho Low als Folge des 1MDB-Skandals abnahm und versteigerte. Sie heißt jetzt „Tranquility“.

Die Liste der von Sanktionen betroffenen Yachten dürfte noch länger werden in den nächsten Wochen. Zwei Artikel der New York Times (NYT) befassen sich mit der 140 Meter langen „Scheherazade“. Das 2019 von Lürssen abgelieferte Gigaformat befindet sich in Marina di Carrara, wo es zuletzt im Trockendock von NCA Refit lag. Laut NYT-Recherchen gehen US-Geheimdienste der Eignerfrage mit Nachdruck nach. Beamte hätten erste Hinweise darauf gefunden, dass Wladimir Putin in direkter Verbindung zu „Scheherazade“ steht. Italienische Behörden wollen derweil herausgefunden haben, dass sich „Scheherazade“ im Besitz von Eduard Khudainatov befindet. Der Ex-Rosneft-Chef stand am 28. März noch auf keiner EU-Sanktionsliste.

Mit Sanktionen belegten Eignern weht zudem Wind aus anderer Richtung entgegen. Der für gewöhnlich sehr gut informierte Yachting-YouTuber eSysman meldete, dass ihre Yachten, die von Lloyds Register oder DNV GL abgenommen wurden, die Zertifizierung verlieren sollen. Das wäre gleichbedeutend mit dem Verlust des Versicherungsschutzes. In die gleiche Kerbe schlagen einige unter Eignern beliebte Kleinstaaten, die ausgewählten Yachten die Flaggen entziehen wollen.

Christian Eckardt Eignerfrage scheinbar geklärt: Lürssen lieferte die 140 Meter lange „Scheherazade“ 2019 in Bremen ab, wohl an den Ex-Rosneft-Chef Eduard Khudainatov.

Themen: Giga


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