Wohnen am Wasser

  • Sören Gehlhaus
 • Publiziert vor 10 Monaten

Die BGX70 sprengt Klassengrenzen auf 21,86 Metern und ist immer nah an den Elementen. BOOTE EXCLUSIV fuhr Bluegames erste Neuentwicklung seit zehn Jahren mit dem Gründer Luca Santella.

Mehr als einen halben Schritt braucht es nicht, um an Bord der römisch-katholisch eingeparkten BGX70 zu gelangen. Voraus liegen fünf Teakdeckmeter, die sonst ein stattlicher Tender oder zwei große Sonnenliegen bedecken und die sogar als Start- und Landeplattform für Kites dienen könnten. Nicht ohne Grund nennt Luca Santella das Explorer-gleiche Achterdeck „The Beach“. Der Bluegame-Gründer startet die Tour mit dem Filetstück, der zwei Treppenstufen abwärts liegenden Lounge. Die befindet sich technisch gesehen auf dem Unterdeck, ist aber alles andere als dunkel. Haupteinfallstor für das Licht ist ein Fenster in den achterlichen Aufbautenausläufern des Hauptdecks. Von dort fließt es durch die angeschrägten Oberfenster der dreiteiligen Glasschiebetür, die sich an Backbord aufschichtet und im Schatten der Wetbar mit Grill und Kühlschrank liegt.

Heckfreiheit: Oberlichter in den Ausläufern der Hauptdeckaufbauten erhellen die Gewächshaus-ähnliche Glasschiebetür darunter. Die Rückwand der Außentreppe ist transparent.

Der Vorbereich der angrenzenden Eignerkabine muss den Vergleich mit einem Wintergarten nicht scheuen. Selbst die Außentreppe an Steuerbord hat eine transparente Rückwand, durch die Licht einfällt. Den Raum vergrößert ein Spiegel neben der steuerbordseitigen Innentreppe, zu den Seiten hellen 1,50 Meter breite Fenster auf. Dass sie „verpixelt“ sind, fällt erst bei genauer Betrachtung auf. Durch die kleinen Pünktchen kommt es zu dem gleichen Effekt wie bei Sanlorenzos SD96, und die Fenster wirken nicht wie Rumpf-Fremdkörper. Darin zeigt sich Santellas Ästhetikverständnis, aber auch die Nähe zur Sanlorenzo-Gruppe, zu der Bluegame seit 2018 gehört. Die Motorbootmarke hatte der ehemalige Profisegler und zweimalige Olympiateilnehmer 2005 ins Leben gerufen. Nun steht auf seiner Visitenkarte „Head of Product Strategy“, den CEO-Posten belegt Carla de Maria.

Aus Cargo- wird Relax-Deck: Platz ist für zwei Sonnenliegen und eine stattliche Wetbar mit Grill und Kühlschrank.

Dass mit neuem Kapital und techni­schen Möglichkeiten vieles schneller geht, ist sehr im Sinne des ausgebildeten Architekten. Sein Arbeitsethos ist nach wie vor das eines Leistungssportlers. „Ich verspüre einen permanenten Druck. Wir möchten der Konkurrenz immer einen Schritt voraus sein“, sagt der 57-jährige Italiener, noch auf dem Achterdeck stehend. Die BGX70 ist nach den aufgefrischten Modellen BG62 und BG42 die erste Neuentwicklung von Grund auf und – das X zeigt es an – implementiert Innovatio­nen, mit denen Santella für Sanlorenzos SX-Linie aufkam, wie beispielsweise die flexible Innen-Außen-Nutzung oder der Kran, dessen Arm Teil des hinteren Schanzkleids ist.

„Als wir entschieden, das Bluegame-Abenteuer bei Sanlorenzo fortzuführen, wollte ich etwas unterhalb der SX76 platzieren.“ Doch bei 21,86 Metern Gesamtlänge passte der SX-typische Flybridge-Steuerstand nicht in ein drittes Deck. Das wäre zu klobig geworden, also schlug sein BGX-Entwurf ins Gegenteil um. Ausgangspunkt war ein flacher Motorenraum, um einen natürlichen Übergang zum Wintergarten zu realisieren. „Wir haben mit Volvo Penta um jeden Millimeter gekämpft und komprimierten den thermischen Teil mit IPS-Motoren und Generator und separierten Batterien und Kreiselstabilisator davon“, beschreibt Santella das mechanische Treiben, das sich unter seinen Füßen abspielt. Die komplexe Konstruktionsweise stellt mit einen Grund für den mit 3,4 Millionen Euro vergleichsweise hohen Verkaufspreis dar. Aber auch einen Vorteil: „Durch den flachen Motorenraum können wir das Konzept einfach nach unten skalieren. Wir arbeiten neben der 60- auch an einer 50-Fuß-Version“, gibt Santella preis.

Modern-zugänglich: Martina Zuccon lehnte die Decken an Strandhausvertäfelungen an. Teak bedeckt Sideboards, Eiche den Boden.

Von achtern ergibt sich ein ungetrübter Einblick in das moderne, aber dennoch gemütliche Interior. Glänzend weiße Planken erwecken an den Decken den Anschein einer Holzvertäfelung, die einem Strandhaus gut stünden; die Stil-Klaviatur ist schlicht und erkennbar italienisch: Auf den weißen Sideboards, Stufen und teils an der Decke findet sich Teakholz, auf dem Boden liegt Eichenparkett, und vereinzelt taucht anthrazitfarbenes Leder auf, wie an den Betten. Wenn Metall wie bei den Badarmaturen, Handläufen oder Türen sichtbar verbaut ist, dann strahlt es matt und dunkel. Aus poliertem Edelstahl sind nur Decksbeschläge oder die Beine der Außentische.

Angenehm hell: die Eignerkabine vor dem Wintergarten. Wird Metall sichtbar, dann ist es matt und dunkel wie die Badarmaturen.

Die Möbelstücke sind unverrückbar, wählbar sind Farben. „Die nächste wird vom Styling genauso aussehen“, sagt Santella in der Eignerkabine, die mittschiffs die volle Rumpfbreite ausfüllt. Dass alles so stimmig erscheint, mag an der Zusammensetzung des Projektteams liegen. Das Konzept stammt von Luca Santella, das Exteriorstyling verfeinerte er mit Bernardo Zuccon und das des Interior­s mit dessen Schwester Martina.

Bernardo Zuccon und Santella sind befreundet, der Sohn des Designers Gianni Zuccon ist auch Segler und ein Bluegame-Anhänger der ersten Stunde. „Die BGX70 spricht in besonderem Maße auch Segler an, weil sie sich innen und außen nicht wie auf einem stereotypen Motorboot fühlen“, ist sich Santella sicher. Gefallen wird Seglern wie Motorbootfahrern die Layout-Flexibilität. Wir befinden uns auf der Version mit zwei Gästekabinen und einem Studio dazwischen, das tagsüber als Spielzimmer oder Kinoraum dient. Fährt die verspiegelte Scheibe hoch, wird der Raum dank Schlafsofa und Toilette zu einer eigenständigen Kabine für Kinder oder Freunde. In der Dreikabinenversion stehen hier zwei Einzelbetten. Vor dem Studio erstreckt sich eine VIP-Kabine und weiter hinter dem Steven eine Unterkunft für zwei Crewmitglieder, zugänglich über eine Luke im Vorschiff. Den vorderen Gästebereich trennt ein kleiner Flur auf Wunsch von den übrigen ab und verbindet ihn über eine Treppe mit dem Steuerstand.

Mini-Explorer: Mit fünf Metern Länge verfügt die BGX70 über ein veritables Achterdeck. Der Kranarm ist Teil des Schanzkleides.

Hier auf dem Hauptdeck eröffnen sich Außenflächen, die die effektiv nutzbaren 17 Quadratmeter des Innenraums leicht übersteigen. Für knapp 22 Meter ist das ein überschaubares Interiorrefugium, die Nutzung aber ist clever-multifunktional. Als Erstes fallen die nach vorn geneigten Fenster auf, ein Bluegame-Signet von Beginn an. Dann zwei Karbonsitzschalen, die Santella schon für sein erstes Bluegame-Modell entwarf. Nahezu querab vom Steuerbord-Steuermannsitz befindet sich das Kochfeld der offenen Galley. Hinter der Rückenlehne und über dem Sideboard im Stil des Unterdecks klappt ein Fernseher aus der Decke, der die L-Sitzecke mit drei Hockern am Raum­ende bespielt.

Santella und Zuccon ist eine gefällige Melange gelungen, verbindendes architekturales Element ist die weiße ovale Verkleidung, von der die dreifach segmentierte Windschutzscheibe eingerahmt wird. Schwarze Küchengeräte und die in Karbon eingelassenen Multifunktions-Displays von Garmin schließen sich nicht aus. Licht und Klima­anlage werden über eine App auch von mobilen Endgeräten aus reguliert, über den großen Bildschirm läuft etwa das Batteriemanagement, die Navigation oder die Steuerung des Kreiselstabilisators. Der optionale Seakeeper 16 ist von der Dimensionierung vollkommen ausreichend, da die BGX70 ohnehin flach ist und Karbonaufbauten zudem den Gewichtsschwerpunkt senken.

Brückenschlag: Das Hauptdeck vereint Steuerstand, Galley und Salon mit großen Außenbereichen. Der TV klappt hinter den Karbonsitzschalen herunter, an Backbord davon geht es nach unten.

Während der Ausfahrt vor Cannes wird der Schwell der Ausflugsschiffe souverän weggebügelt, der Krängungsausschlag überschreitet nicht die Eingradmarke. Der Dreistufenrumpf aus den Rechnern von Louis T. Codega gleitet ab zwölf Knoten. Die US-amerikanische Konstrukteurs-Koryphäe arbeitet seit jeher mit Santella zusammen und steht immer am Ende der Entwurfskette. „Lou liefert die perfekten Dimensionen und sagt uns, wo welche Kräfte im GFK-Rumpf auftreten. Dennoch gehen viele E-Mails hin und her“, beschreibt Santella den transatlantischen Workflow. Bluegame lässt die Wahl zwischen den IPS-Einheiten 1200 und 1350. Mit den zwei großen Volvo-Penta-Maschinen mit je 735 Kilowatt lag der Topspeed bei 27,9 Knoten und der Gesamtverbrauch bei 382 Litern die Stunde. Unter Idealbedingungen sollen mit dem 40-Tonner auch 30 Knoten machbar sein. Auf dem Dach, auf das Teakstufen an Steuerbord führen, lässt es sich dann eher schlecht sonnen, und die Surfboards oder sonstigen Toys müssen gut verzurrt sein.

Noch vor der weltweiten Premiere in Cannes verkaufte der Bluegame-Händler Lengers Yachts zwei BGX70, eine davon hat ihren Heimathafen in den Niederlanden – für Santella eine „Bestätigung, dass das Konzept überall funktioniert“. Nach weiteren Abschlüssen durch gemeinsame Messeauftritte mit Sanlorenzo läuft die Produktion auf Hochtouren, demnächst auch unter dem Dach der Muttergesellschaft. Die aus recyceltem GFK bestehenden Formen für Rumpf und Aufbauten verholte Bluegame nach Ameglia in die neuen Sanlorenzo-Hallen.

Bluegame-Händler für Deutschland ist Lengers Yachts .

Flexibel: Dank der IPS-1350-Motorisierung mit zweimal 735 Kilowatt Leistung erreicht die Lou-Codega-Konstruktion bis zu 30 Knoten.

Themen: Bernardo ZucconBluegameSanlorenzoZucconZuccon International Project


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