Lücke geschlossen

19.12.2017 Martin Hager - Die neue MCY 96 ergänzt das Portfolio von Monte Carlo Yachts und beweist eindrucksvoll, welches Level an Komfort auf 30 Metern möglich ist. BOOTE EXCLUSIV ging für eine Probefahrt an Bord.

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Endlich habe ich ihn gefunden: meinen Lieblingsplatz! Nach zahlreichen besuchten Yachten, unendlich vielen Decks, Brücken, Salons und Suiten bin ich mir sicher, dass diese Nische es ist: die gemütlichste Lounge der heutigen Yachtwelt. Es ist so behaglich, friedlich und heimelig hier, dass ich während der zweistündigen Probefahrt vor Cannes um ein Haar – zufrieden und tiefenentspannt – weggedämmert wäre. So sieht er aus, der perfekte Yachting-Moment: die Beine hochgelegt, auf der Nase kitzelt die Nachmittagssonne, dazu ein freier Blick auf den Horizont …

Neben mir kümmert sich Werftkapitän Romeo Nunzio am zeitgemäß bestückten Steuerstand um die Navigation, den Kommandogeber in der einen, das edel mit weißem Leder bespannte Steuerrad in der anderen Hand. Zwei Decks tiefer surren die zwei je 1640 Kilowatt starken MTU-Sechzehnzylinder mit 2000 Umdrehungen pro Minute vor sich hin. 18,5 Knoten zeigt die elektronische Logge auf den Böning-Displays – ein Wert, der so gar nicht zu dem komfortablen Raumgefühl passen will. "Für mich ist das der perfekte Cruising-Speed", sagt Kapitän Nunzio und lächelt zufrieden. Ich kann ihm nur nickend zustimmen, während ich  mein Schallpegel-Messgerät einschalte. Das zeigt gerade einmal 55 Dezibel an – ein sensationell niedriger Wert!

Diese auf der Steuerbordseite der Brücke installierte Lounge-Ecke hat sich ihren Platz in meinen Yacht-Herzen redlich verdient. Ich beneide den Kapitän, dass er bleiben darf, und erkunde die weiteren Decks der jüngsten Monte-Carlo-Yachts-Neuheit MCY 96. Der 29,26 Meter lange Halbgleiter ist bereits das siebte Modell der zur Beneteau-Gruppe gehörenden Werft. Seit der Werftgründung im Jahr 2010 präsentierte das Team um Werftchefin Carla Demaria jedes Jahr eine Neuheit. Das Portfolio umfasst mittlerweile Yachten mit Längen von 19,82 (MCY 65) bis 32,26 Meter (MCY 105). "Die neue MCY 96 füllt die Lücke zwischen der 26,30 Meter langen MCY 86 und unserem Flaggschiff MCY 105 perfekt aus", erklärt Carla Demaria. "Wir hatten zahlreiche Kunden, die sich eine Zwischengröße wünschten." Die Verkaufszahlen geben ihr recht, drei Einheiten der rund neun Millionen Euro teuren MCY 96 wurden bereits vor Markteinführung verkauft und gehen nach Europa, Asien und in die USA.

Beim Designteam gab es – wie zu erwarten – keine Änderungen. Carlo Nuvolari und Dan Lenard zeichneten die sportlichen Linien und das Interior des 98-Tonners. "Bei der Interioraufteilung und Materialzusammensetzung bieten wir Eignern eine große Auswahl an Möglichkeiten", lässt Marketingmanager Federico Peruccio wissen. Sechs fertig ausgearbeitete Layouts und eine Vielzahl an weiteren Optionen machen den Entscheidungsprozess zur Herausforderung. "Dazu wählen Eigner zwischen Dekor-Kollektionen von Hermès, Armani Casa oder Robelli – alles im Standardpaket inbegriffen." Andere Optionen wie die zwei hydraulisch herunterklappbaren Balkone im Salon, Gyro-Stabilisatoren von Seakeeper, eine Metallic-Lackierung oder Jacuzzis kosten extra.

Baunummer eins, mit der wir über den Golfe de la Napoule gleiten, bekam sehr zur Freude der Werft eine Vollausstattung mit einem absolut massentauglichen Vier-Kabinen-Layout. "Das heißt, auf dem Unterdeck befinden sich vier Gästesuiten: zwei geräumige VIPs direkt vor dem Motorenraum plus zwei Doppelkabinen. Der Crewbereich mit Galley, komfortabler Messe und drei Kammern für bis zu fünf Personen befindet sich im Bug", beschreibt Federico Peruccio die Aufteilung des Unterdecks. Auch hier unten liegen die Geräuschpegel deutlich unter dem Durchschnitt. "Das liegt an der Art und Weise, wie wir unsere Yachten bauen", erklärt Carla Demaria. Alle MCY-Formate entstehen in den modernen Werfthallen in Monfalcone als GFK-Sandwich im Infusionsverfahren mit Vinylesterharz. Das Interior fertigen die Yachtbauer außerhalb der Rumpfhülle auf einem starren Alu-Rahmen, der als Kompletteinheit in den Rumpf eingesetzt wird. Das Interiormodul sitzt im Rumpf fest auf Gummilagern, ohne Kontakt zur Außenhaut zu besitzen. "So werden keine Vibratio­nen aus dem Motorenraum oder die Erschütterung durch größere Wellen übertragen", so die Werftchefin. "Diese Art der Konstruktion verkürzt zudem unsere Fertigungszeit enorm – für eine MCY 96 brauchen wir nur viereinhalb Monate."

Bei der Gestaltung und Aufteilung des  Hauptdecks bewiesen Werft und Desig­ner ihre Qualität – selten gab es ein 30-Meter-Format, das einen so frei atmen lässt. Die Deckenhöhe: ungewöhnlich üppig. Fensterfronten: riesig. Materialauswahl: vornehmlich Hermès – elegant, gediegen, modern und warm. Vom großen Achtercockpit aus geht es ohne Stufe direkt in einen Salon, in dem steuerbords eine L-förmige Sofaecke zum Entspannen einlädt. Im Sideboard gegenüber versteckt sich ein Flachbildfernseher, der auf Knopfdruck elektrisch ausfährt. Richtung Bug schließt sich ein Speisetisch für acht Gäste an, steuerbords führt ein Korridor in die Master­suite, das Raum-Schmuckstück der MCY 96. Auch hier beeindrucken der verfügbare Raum und die Helligkeit. Ein drei Meter langes Skylight und große Seitenfenster fluten den Raum mit natürlichem Licht. In die Fenster integrierte Bullaugen lassen sich öffnen und machen so auch eine natürliche Meeresbrisen-Belüftung möglich. Auf Höhe der Mastersuite integrierte die Werft erstmals Glas in das Schanzkleid, sodass sich der Eigner auch im Bett liegend über eine Traum-Aussicht freut.

Neben einem Sofa backbords und dem obligatorischen Schminktisch gegenüber schließt die Mastersuite Richtung Bug mit einem begehbaren Kleiderschrank und dem mit Carrara-Marmor bestückten Bad ab. "Unser Ziel war es, eine für diese Yachtgröße unvergleichlich große Eignersuite zu realisieren, ohne dabei den für die MCY-Flotte üblichen Bug-Lounge-Bereich zu sehr zu verkleinern", erläutert Federico Peruccio das Raumkonzept. Ersterer fällt nur wenig kompakter aus als bei den vorangegangenen Modellen und bietet mit großer Sonnenliege, ausklappbarem Speisetisch und einer komfortablen Sitzecke den besten Rückzugsort für ein ungestörtes Open-Air-Dinner bei den in Mittelmeerregionen üblichen römisch-katholischen Marina-Stopps.

Von der Brücke und dem Achtercockpit aus führen Stufen auf eine Flybridge mit XXL-Ausmaßen. Diese lässt sich selbstverständlich ganz an die Bedürfnisse des Eigners anpassen. Jacuzzis, Sonnenliegen, Toy-Stauraum – die Möglichkeiten sind vielfältig. Neben dem Open-Air-Steuerstand und einer zusätzlichen Brückennock steuerbords wählte der Eigner der ersten MCY 96 ein Möbel-Ensemble, bestehend aus fest installierten Sofas, großem Speisetisch und einer Galley-Bar-Kombination. Für Schatten sorgt ein Karbon-Bimini mit Softtop, das sich auf Knopfdruck elektrisch öffnet. Hier oben lässt es sich aushalten, ohne Frage. An meinen neuen Lieblingsplatz auf der Brücke kommt die Fly – so sonnig sie sein mag – jedoch nicht heran.

Text: Martin Hager  

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