Ein perfekter Start

25.07.2017 Martin Hager - Mit „Joy“ markieren Bannenberg & Rowell ein klares Design-Statement. Für die Londoner war die 70 Meter lange Feadship die Exterior-Premiere, für den Eigner ist sie seine erste Yacht.

© Feadship

Erst aus der Nähe entfaltet "Joy" ihre Wirkung. Aus der Entfernung erfasst der Blick sie als elegante Silhouette, mit beeindruckend gestrecktem Vorschiff. Es scheint ein weiter Weg von der Schiffsglocke bis zu den Aufbauten zu sein. Und richtig, hier hat sich der Eigner von der Feadship-Werft in Kaag ein eigenes Reich unter freiem Himmel zaubern lassen. Zu dem gehört dann gele­gentlich auch eine Basketball-Installation, wo auch immer die Basketbälle landen, wenn sie ihr Ziel verfehlen und am Ankerball vorbeifliegen. Das gestreckte Vorschiff beherrscht die Silhouette.


Der Eigner ließ es sich auf den Leib schneidern, um hier eine arenagleiche Fläche im Freien ganz für sich und seine Familie nutzen zu können. Überhaupt, die freien Flächen. Sie dominieren die Konstruktion "Joy", sodass
der Wert ihrer Gross-Tonnage, die ihr Volumen beschreibt, vergleichsweise gering ausfällt. Gerade einmal um hundert übersteigt er die 1000-Tonnen-Grenze. Dieses Volumen bietet bereits ein zehn Meter kürzerer Verdränger wie zum Beispiel die Benetti "Diamonds Are For­ever". Auf große Innenräume jedoch legt der "Joy"-Eigner wenig bis keinen Wert. Die eher sportliche Lifestyle-Variante steht im Vordergrund.


Er ging an sein Vergnügen mit "Joy" wohl auch darum unkonventionell heran, weil dieses Yachtprojekt sein erstes überhaupt war. Nie zuvor besaß er eine Yacht, schon gar nicht dieses Zuschnitts. Nicht nur für den Eigner bedeutete "Joy" eine Premiere. Dickie Bannenberg, Sohn des legendären Designstars Jon Bannenberg, hatte zusammen mit seinem Partner Simon Rowell für "Joy" den ers­ten Exteriorauftrag überhaupt angenommen. Bisher hatte das B-&-R-Team sich auf Interiors konzentriert. Mit "Joy", so empfindet es Bannenberg jr., komme etwas Neues in die Welt der Super­yachten, wie damals, als sein Vater mit Ikonen wie "Carinthia V" (Lürssen, 1971) für den Kaufhauskönig Helmut Horten Furore machte und mit weiteren Projekten für Malcolm Forbes, Robert Maxwell und andere den Thron der Superyacht­designer fortan für sich in Anspruch nahm.


Unvergessen die Bemerkung Jon Bannenbergs, er sei kein Stylist. Friseure seien Stylisten, er jedoch Designer. Mit dem Schritt hinaus aus dem Interior in die Gestaltung der Außenlinien und -formen kommt Sohn Dickie mit einem großen Schritt den Schuhen seines Vaters näher. "Wir durften das ursprüngliche ‚Joy‘-Konzept verändern, auch zur Vergrößerung", erzählt James Carley, Chef für das Styling bei den Designern von Bannenberg & Rowell. Die "Joy"-Silhouette entwickelte sich, nachdem Feadships hauseigenes Konstruktionsbüro De Voogt ein grundlegendes "Joy"-Konzept vorgeschlagen hatte. Das wuchs nach und nach auf 70 Meter an.


"Wir begannen mit diesem von Feadship erarbeiteten Konzept und verlängerten es", erklärt James Carley. "Als wir bei 63 Metern angekommen waren", erinnert sich Simon Rowell, "bat uns der Eigner um eine Verlängerung der Bugpartie, aus zwei schlichten Gründen. Er meinte, dass ein längeres Vorschiff optisch der Yacht guttun würde. Zweitens würde das längere Vorschiff genau vor seiner Suite ganz wunderbar als große Terrasse geeignet sein und das Familiendeck enorm vergrößern." Weil dem Eigner eine schwimmende Villa oder ein Design, das dem der viel geschmähten Gin-Paläste entspricht, bereits von Beginn der Planung an fernlag, verlängert das neue Vorschiff eben nicht die Aufbauten, sondern nur die Außenfläche des Oberdecks.


"Wir änderten Flächen, verbanden horizontal und vertikal entfernte Räumlichkeiten. Das brachte Bewegung rund um die Konstruktion." Gewölbte Flächen gehen in angrenzende Strukturen über, Kanten treffen auf Schrägen. Deckskanten wirken mit ihren Überhängen wie windgeblähte Sonnensegel und sehen dabei dennoch wie gemeißelte Skulpturen aus. An Bord wird deutlich, dass all diese Kunstgriffe der emotionalen Öffnung der Yacht nach außen dienen. Hier steht nicht der Wunsch nach Geborgenheit, sondern der nach Freiheit im Vordergrund der jungen Eigner. Aus der Nähe betrachtet lässt sich erkennen, dass Bannenberg & Rowell neben den Designtricks der Formgebung noch weit radikaler in die üblichen Yachtstrukturen eingriffen.


Der schwarze Streifen nach Art einer dunkel kaschierten Fensterreihung unter dem Vorschiff entpuppt sich als Schnitt in den Rumpf mit Absenkung des Schanzkleids. Mit anderen Worten: B & R öffneten den Widebody auf Kosten der Fläche des Aufbaus zugunsten breiter Laufdecks. Rund um die Aufbauten haben zwei Personen nebeneinander Platz. Diese Teile der Außendecks laden zum Flanieren ein, bestens geschützt von den ausladenden Überhängen des jeweils höheren Decks. Das Eigner- und Familiendeck mit Spielplatz vorn funktioniert dabei wie ein Promena­dendeck. Das Brückendeck darüber öffnet sich nach achtern zu einem Gym mit glasgeschütztem Frischlufteffekt."Wir wollten die Bordflächen und Räum­lichkeiten innen mit dem Außen der Umgebung verbinden", erläutert Carley den Sinn dieses Konzepts. Tageslicht dringt so viel wie möglich in die Aufbauten. Die Yacht soll mit ihrer Umgebung, der See und den Perspektiven auf die Ufer, verschmelzen, die Distanz von innen und außen überwinden. Wobei dieser Gedanke, konsequent zu Ende gedacht, hieße, dass das schönste Design eines wäre, das die Yacht unmerklich verschwinden ließe …


Die Einschnitte im Rumpf füllten die Designer mit Glas. Die maximal mögliche Verglasung hat tragende Funktion.
Glas wirkt auch an anderen Funktions­stellen: Die achterlichen Enden der Aufbauten auf Haupt-, Eigner- und Brückendeck münden in gläserne Schiebe­türen. Gläserner Windschutz der Freidecks sorgt für den Eindruck eines Wintergartens, in geschlossenem Zustand selbstredend klimatisiert. Zudem steigern die Laufdecks den Effekt, sich von Architektur nicht beengt zu fühlen.


Der leichten Begehbarkeit und Erreich­barkeit der "Joy"-Räume von außen dient auch eine zweiteilige Klappe achtern auf dem Hauptdeck, gemeinhin immer noch Cockpit genannt. Sie öffnet sich mittschiffs "nach Art des Bombenschachts einer B-52", meint das B-&-R-Team, nur nach oben statt nach unten. Hinab geht’s
dann über einen Niedergang in den Beach­club. Achtern hebt sich von der Badeplattform aus ein zweiter Zugang zum Beachclub, eine große Heckverkleidung mit dem Schriftzug "Joy", die offen wie ein Baldachin wirkt.


Mit der Planung des Interiors beauftragte der Eigner das Londoner Studio Indigo. Der Indigo-Creative-Director und Studiogründer Mike Fisher verrät den Trick, mit dem die Gestaltung der Räume innen den Eindruck von Weite erzeugt: "Von jedem Platz innen können Eigner und Gäste durch Fenster nach außen blicken, und zwar stets auf ein Laufdeck." Materialien und ihre Gestaltung unterstützen diese Wahrnehmung. Das Mobiliar auf allen Decks wirkt jedoch eher traditionell denn modisch. Das Ziel hieß nicht unbedingt, maritime Stimmungen zu verbreiten. Dennoch verlocken die Teppiche zum Barfußlaufen. Im großen Salon auf dem Hauptdeck verlegte
die Feadship-Werft Van Lent einen Boden­belag aus Seide und Nessel von Jan Kath.


Eine kleine Bar mit Irish-Whiskey-Vorrat unterstützt hier die Sailor-Stimmung und verstärkt den gastfreundlichen Charakter. Der Salon auf dem Eignerdeck dagegen betont seine familiären Qualitäten. Der Eigner sieht diese Lounge mit achterlichem Freideck als privates Penthouse mit großer Terrasse. Neben der Eignersuite mit Zugang zum Sportdeck voraus brachte die Werft hier oben auch zwei Kabinen als Kinderzimmer unter.


Die Gästekabinen auf dem Hauptdeck erhielten entgegen zeitgeistiger Gewohnheiten nicht jeweils ein Thema. Sie unterscheiden sich dennoch. Insgesamt verteilte Fisher mit seiner Indigo-Crew 250 verschiedene Finishes an Materia­lien, vom Orientkissen nach Yastik-Art über handgewebte Ikat-Muster aus Indo­nesien bis zu Suzani-Stickereien aus Zentralasien. Alle, so Interior-Chef Mike Fisher, erzählen mit ihren Farben und Formen ihre eigene Geschichte. "‚Joy‘ ist der Beweis dafür, was man erreichen kann, wenn man eine Super­yachtplanung mit einem weißen Stück Papier startet", zieht der Feadship-Chef Jan-Bart Verkuyl Bilanz. Am Anfang stand die Freiheit. Bannenberg senior nutzte sie damals, mischte in den Siebziger- und Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts die Designkonzepte der Vergangenheit auf und warf klassische Elemente über Bord.


Es kann gut sein, dass "Joy" demnächst für die nächstjüngere Generation eine ähnlich epochale Bedeutung wie einer "Carinthia" zuwächst. Zumindest verschärft "Joy" den Wettbewerb für ungewöhnliche, ausgefallene und doch praktikable Lösungen diesseits futuristischer Techno-Phantastereien.  

Text: Friedrich W. Pohl 

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