Beachclub-Feeling mit Booster-Modus

23.06.2017 Martin Hager - Heesens 70 Meter lange „Galactica Super Nova“ übertrumpft ihre Vorgängerin um fünf Meter. Mit ihr teilt sie das Konzept des schnellen Verdrängers. Espen Øino beschleunigte das Styling. Sander Sinot entspannte das Interior der 30-Knoten-Yacht.

© Heesen/Guillaume Plisson

”Galactica Super Nova", dieser einigermaßen aufwendige Name hat seine Vorgeschichte. Der Name "Galactica" begleitet Heesen seit 2007. Damals launchte die Werft im niederländischen Oss ihr gleichnamiges 50 Meter langes Flaggschiff, einen Halbverdränger mit 26 Knoten Spitze, den Frans Heesen ein Jahr später an einen russischen Eigner verkaufte. "Galactica" heißt mit neuem Eigner zurzeit "Red Sapphire". Ein 34 Meter langer Halbverdränger, ebenfalls aus Aluminium, ging 2012 zu Wasser und lief einen Knoten schneller: "Galactica Plus". Erfolg macht Spaß, lässt sich aber immer noch toppen. Gut drei Jahre ist es her, dass BOOTE EXCLUSIV die Auslieferung der "Galactica Star" ankündigte. Mit 65 Metern übergab Heesen im Sommer 2013 sein bis zu jenem Zeitpunkt längstes Projekt dem Eigner.


Die niederländische Werft konzentrierte sich bereits seit Jahren auf den schlanken, schnittigen und mit drei Decks über Wasser vergleichsweise flachen und unter Wasser halbverdrängenden Riss. Das Prinzip des Halbverdrängers lässt sich jedoch nicht bis Ultimo ausreizen. Grenzen setzt hier die Physik. Mit der 55 Meter langen "Quinta Essentia" lieferte Heesen die bisher größte Alu-Konstruktion des halbgleitenden Rumpftyps. Also ließ die Werft eine Rumpfform namens Fast Displacement Hull entwickeln, einen schnellen Verdrängerrumpf "mit markant-sportlichem Look" des Exteriors, wie damals in BOOTE EXCLUSIV über "Galactica Star" zu lesen war. Bei Probe­fahrten mit fünf Beaufort übertraf das Fast Displacement des Konstruktionsbüros Van Oossanen die vertraglich vereinbarten 27 Knoten sogar um 1,8 Knoten.


Den Rumpf der neuen "Galactica" mit dem Zusatz "Super Nova" berechneten die Hydrodynamiker von Van Oossanen gar mit einer vertraglichen Garantie für 30 Knoten. Dieser Vertrag datiert vom Dezember 2013.
Heesen arbeitete über 30 Monate an diesem Projekt mit dem Codenamen "Kometa". Zusammen mit allen Vorbereitungen und Testphasen der Rumpfkonstruktion noch vor dem Verkauf an den Eigner dauerte die Entwicklung der "Super Nova" bis zur Auslieferung 41 Monate. Statt Bannenberg & Rowell verpflichteten Eigner und Werft dieses Mal Sinot Exclusive Yacht Design aus dem niederländischen Eemnes für die Planung und Gestaltung des Interiors. Um die Dekoration kümmerte sich Sabrina Monteleone mit ihrem Einrichtungslabel Sabrina Monte-Carlo.


Die "Super Nova"-Probefahrten auf der Nordsee vor der Auslieferung an den Eigner fielen auch dieses Mal ins Frühjahr. "Galactica Super Nova" überschritt dabei wie schon ihre Vorgängerin die vertraglich vereinbarte Höchstgeschwindigkeit, dieses Mal um 0,3 Knoten, sodass der schnelle Verdränger 30,3 Knoten erreichte. Ihren ruhigen Lauf und beste Manövrierfähigkeit konnte die Konstruktion ebenfalls unter Beweis stellen. Für den Antrieb wählte Heesen zwei MTU-Motoren an den Seiten mit Propellerantrieben von Schaffran und einen zentralen Jet-Booster von Rolls-Royce mittig dazwischen. Vor ihm arbeitet ebenfalls ein MTU-Schnelldreher der 4000-Serie. Diese Konfiguration mit insgesamt 12 040 Kilowatt Leistung schraubte Heesen jetzt das erste Mal in eine Großyacht, mit dem Erfolg, dass die jüngste "Galactica" ihre 30 Knoten Max-Speed aus dem Stand in nur 75 Booster-Sekunden erreicht. Damit gehört sie zu den schnellsten Superyachten.


Aber was steckt eigentlich hinter der Bezeichnung FDHF, Fast Displacement Hull Form? Bei zunehmender Geschwindigkeit baut der Rumpf eines Verdrängers einen steigenden Widerstand auf, der die Geschwindigkeit begrenzt. Auch aufgepeppte Kilowattpakete können das nicht verhindern. Die Yacht bleibt in dem selbst aufgebauten Wellensystem gefangen und erreicht eine begrenzte und eher geringe Geschwindigkeit. "Mit der FDHF jedoch erreichen wir einen geringeren Widerstand über das ganze mögliche Geschwindigkeitsspektrum, von langsamer Fahrt bis theoretisch 34 Knoten." Wie das? "Es gibt kritische Faktoren", erklärt Hydrodynamik-Experte und Van-Oossanen-Geschäftsführer Niels Moerke, "darunter die Ausprägung des Rumpfs und des Wulstbugs, die Position und Formung der schienenartigen Sprayrails außen am Rumpf und das Heck mit den Formen des Spiegels und des Wasserabrisses." Der Effekt der richtigen Gestaltung: "Trotz der größeren Länge gegenüber ‚Galactica Star‘ erreicht der schlankere Rumpf ein höheres Leistungspotenzial." Und wie wirkt sich der Booster auf die Konstruktion und die Leistung aus?


"Der Eigner verlangte eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Knoten. Der beste Weg, dieses Ziel zu erreichen, bestand darin, die beiden üblichen Antriebe mit Wellen und festen Propellern durch einen dritten mit Roll-Royce-Booster zu ergänzen. Dadurch vermieden wir die Notwendigkeit, komplexe Verstellpropeller verwenden zu müssen." Und wie passen Festpropeller und Jet zusammen? "Diese Kombination ist Ergebnis von Versuchen und Tests sowie das Resultat einer sorgfältigen Wahl des Propeller­designs und der Fahrtmodi. Der Boos­ter-Jet macht weder die Konstruktion noch den Umgang mit der Yacht komplizierter." Die Werft führte nach den Angaben der Architekten eine Machbarkeitsstudie durch. Abänderungen jedoch waren für die Arbeiten in der Praxis nicht nötig. Heesen erkannte als erste Werft die Überlegenheit dieser Technik.


Heesens Stolz auf die praktische Umsetzung des FDHF-Konzepts aus den Büros der Van-Oossanen-Konstrukteure ist denn auch unverkennbar. "Das Konzept reduziert den Widerstand um 20 Prozent", freut sich Heesen-Chef Arthur Brouwer. Das mindert den Kraftstoffverbrauch. Der wiederum und die Alu-Konstruktion beeinflussen das Gewicht der Yacht schon bei Fahrtbeginn. Das Ergebnis: "30 Knoten in der Spitze, eine ökonomische Reisegeschwindigkeit und 4000 Meilen Reichweite." Wie effizient der Rumpf in Kombination mit dem Antriebspaket tatsächlich arbeitet, davon konnten wir uns während einer kurzen Probefahrt von Monaco nach Nizza überzeugen. "Bei einer Reise­geschwindigkeit von 15 Knoten verbrauchen wir gerade einmal 450 Liter Diesel pro Stunde", erklärt Kapitän Chris Guy, während er gefühlvoll die Kommandogeber nach vorn schiebt, um mehr Leistung auf die Wellen zu bringen. Damit reist der 645-Tonner sparsamer als so mancher 25-Meter-Halbgleiter. Eindrucksvoll auch, wie effektiv die XT-Stabilisatoren von Quantum die Rollbewegungen der 70-Meter-Yacht vor Anker und während der Fahrt reduzieren.


Damit die optische "Super Nova"-Erscheinung zu ihrem Leistungsvermögen passt, beauftragten Eigner und Werft Espen Øino mit dem Styling. Sein endgültiges "Super Nova"-Exterior ähnelt sehr dem der "Star"-Vorgängerin mit ihrer Optik von Omega Architects. Meisterschaft zeigt sich in Nuancen. Øino hielt sich an Heesens Gene für die flachen, schlanken und schnellen Risse und fügte einige Elemente hinzu. "Heesen kam mit präzisen Rahmenbedingungen zu uns, die wir in einem gegebenen Zeitrahmen modifizieren konnten. Wir lieferten Konzept und Details", so Designer Andrea Bonini. Øinos offensichtlichste Entwicklung zeigt sich in den Aufbauten vom Brücken- zum Sundeck. Über den Windschutzscheiben der Brücke fehlt der Überhang. Die seitliche Verglasung der Räume gestaltete er so groß wie möglich. "Wir vereinfachten die Designsprache." Einen wesentlichen Bestandteil des Briefings für Øino bedeutete die Behandlung der "Galactica"-typischen Merkmale am Heck. Der Eigner wollte die markanten achterlichen Bögen des "Star"-Aufbaus auf dem Hauptdeck genetisch erhalten wissen. "Wir stimmten darum alle weiteren Elemente des Stylings mit dieser Heckpartie ab."


Zum Sundeck-Briefing des Lifestyle-Racers gehörte die Erweiterung der Stehhöhe auf 2,50 Meter, mehr Schutz vor Wind und Wetter und eine bessere Aussicht als auf der "Star". "Das Sundeck ist jetzt geschlossen mit Schiebefenstern vorn und an den Seiten. Bei 30 Knoten ist dieser Schutz notwendig", sagt Andrea Bonini. Auch die Niedergänge achtern an Back- und Steuerbord zwischen Haupt-und Sundeck bieten jetzt mehr Schutz vor der Witterung. Das Vorschiff dient als Heli-Platz für Touch-and-go-Manöver. Die Ausstattung erlaubt ebenso ein informelles Dinner, und abends hilft eine Projektionswand bei der Verwandlung dieses Decks in ein großzügiges Freiluftkino. Und ganz nebenbei: "Verdränger schneller zu machen, das gehört auch zu meinen Interessen als Designer. Das Fast-Displacement-Konzept fasziniert. In Zeiten der großen Geschäftigkeit lässt sich so in kürzerer Zeit mehr erfahren und erleben. Das wird eine große Anzahl Eigner ansprechen", meint Øino. Zeitgemäße Technik steht Eigner und Gästen auch bei den Sicherheitssystemen zur Verfügung. Zu Heesens Rapid Reaction System gehören Alarmknöpfe an allen wichtigen Positionen auf jedem Deck für ein Mann-über-Bord-Ereignis. Bei der Aktivierung fallen sofort selbstaufblasende Signalmarkierungen in die See – bei 30 Knoten Speed eine hervorragende Lösung. Eine Markierung leuchtet auf dem Plotter im Ruderhaus, und ein akustischer Alarm informiert die Brücke. Selbst Familien mit Kindern fühlen sich darum hier wohl.


Das gilt auch für das Interior. Das Briefing verlangte ein Beachclub-Feeling, innen und außen. Die Räume verbindet jeweils ein gemeinsamer Stil mit subtilen Unterschieden. Gefordert war eine helle und lichte Einrichtung. Sander Sinot und sein Team erarbeiteten darum weitgehend monochrome Raumgestaltungen mit zarten Farben. Weil sie sich in der Farbgebung nur in Nuancen unterscheiden, bestehen sie aus unterschiedlichen Materialien, die in ihrer Oberflächenstruktur von matter Eierschale über seidig bis hochglänzend differieren. Leder bildet die Interior-Basis. Die Ledervariationen reichen von natürlich geprägter Rochenhaut bis zu weich-glattem Kalbsleder. Leder taucht auf Paneelen in Holzrahmen aus gebleichtem und gebeiztem Wengé und Silbereiche auf. Für die Teppiche wählte Sinot pure Naturfasern, für die Bäder weißen Thassos-Marmor und hellgrauen Calacatta Luccicoso, kombiniert mit Onyx-Details.


"Die Auswahl des Interior-Materials", so Sander Sinot, "entspricht dem relaxten und lässigen Lebensstil des Eigners. Das Ambiente wirkt eher unaufdringlich moderat, jedoch mit hochwertigem Finish." Von dreistem Glanz und üppigem Glamour fehlt zum Glück jede Spur. Treppenhaus und Fahrstuhl gehören zu den Höhepunkten der Einrichtung. "Stahl, Nickel, Chrom, Holz und Leder formen eine architektonische Spirale." Den Salon auf dem Hauptdeck teilt das Interior auf Eignerwunsch in drei Abteile. Achtern versorgen sich die Gäste an einer Bar mit Selbstbedienung und lassen sich in einer Sitzgruppe nieder. Die Polstermöbel im Zentrum mit gro­ßem Monitor locken Filmfreunde. Eine weitere Schlüsselposition für Eigner und Gäste baute Heesen im Heck ein: den eigentlichen Beachclub achtern mit Backbord-Balkon. Da die Tender im Vorschiff unter dem Helipad parken, muss sich diese Fläche nicht mit dem Rest der Lazarette begnügen. Bar, Liegen und Hamam finden hinter den Motoren reichlich Platz. Nach der Sommersaison 2016 im Mittelmeer stellte Heesen sein jüngstes Flaggschiff auf der Monaco Yacht Show Ende September erstmals einer größeren Öffentlichkeit vor.


Die Werft feilt indes an der "Galactica"-Fortsetzung. Sie kratzt mit dem Projekt "Vesta" an der 75-Meter-Marke, wieder mit Fast-Displacement-Rumpf. Die 75 schlanken "Vesta"-Meter, davon dürfen wir überzeugt sein, wird Heesen dann wieder mit dem nächstfolgenden Auftrag toppen. Erfolg macht Spaß. 

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